Hinter den Schlagzeilen

… der letzten Woche. Nicht nur trockene Zahlen — Was Besatzung auf menschlicher Ebene bedeutet.

Daphne Banai, eine israelisch-jüdische Aktivistin, berichtet als Augenzeugin von der Zerstörung des Dorfes Humsa Al Foqa im Jordantal, von der wir in unserem letzten Weekly Spotlight vom 04.02.2021 berichtet haben. Wir danken ganz herzlich der Jüdischen Stimme für Gerechten Frieden in Nahost, die dies übersetzt & veröffentlicht hat!

Auf den Feldern von Humsa fing der Weizen an zu keimen, die Sonne schien und die Welt verdunkelte sich zum zweiten Mal innerhalb der letzten Monate über den 75 Einwohnern der Ortschaft.

Um 10 Uhr am Morgen des 1. Februar 2021 trafen zig Lastwagen in Humsa ein. Soldaten sprangen ab, gingen von Zelt zu Zelt und bauten eiskalt und herzlos ein Zelt nach dem anderen, einen Schafstall nach dem anderen ab, zerstörten die Backöfen und die Verschläge mit dem Viehfutter, falteten die Planen gelassen zusammen und luden sie auf die Lastwagen mitsamt den Balken und Holzstangen, die sie getragen hatten. Als die eisige Wüstennacht anbrach, blieb am Ort nichts zurück außer wütenden Männern, weinenden Frauen und erschreckten Kindern. Wer nie Menschen gesehen hat, die obdachlos geworden sind, der Witterung ausgeliefert, ohne schützende, die Wärme haltenden Wände, seien sie auch aus Stoff und Brettern, wer die furchtbare Verzweiflung in den Augen solcher Menschen nicht gesehen hat, der wird nicht verstehen können, wie entsetzlich das ist.

Zerstörung von Humsa Al Foqa. Foto: Udai Duaibes

Und die jungen Soldatinnen und die Soldaten, die sich für Helden halten, zeigen sich davon unberührt. Solche gebrochenen Gestalten zählen in ihren Augen nicht als Menschen. Sie haben eine Einstellung entwickelt, wie sie die Nazis vor 80 Jahren den Juden gegenüber propagierten, die in ihren Augen nicht mehr zur menschlichen Gattung gehören sollten. Von hier aus ist alles möglich.

Noch hatte der letzte Soldat den Ort nicht verlassen, als die Palästinenser schon Eisenstäbe aus ihrem Versteck zogen und sie mit Steinen tief in die Erde schlugen. Sie errichteten ärmliche Ställe für die Schafe, Backöfen für das Essen, das niemand hinunterbringen konnte, und breiteten Nylons als nächtliche Bedeckung für ihre Körper aus. Noch im Laufe der Nacht brachte die palästinensische Behörde 2 Zelte und ein Dach für die Ställe. Nach zwei Tagen kamen die Lastwagen wieder, diesmal zusammen mit Bulldozern, die den Rest zerstörten. Und was sie nicht zerstörten, wurde konfisziert.

Zerstörung von Humsa Al Foqa. Foto: Udai Duaibes

Eine junge Frau versteckte sich hinter den Ruinen und stillte weinend ihr zwei Monate altes Mädchen. Aische, eine kranke Greisin, die nicht einmal aufrecht stehen kann, saß in der Sonne auf einer Holzkiste mitten in einem Trümmerhaufen, der einmal ein Zuhause war, und bereitete Käse zu. Um sie herum lagen die Kadaver von Lämmern, die von den Lastwagen überfahren worden waren, umkreist von Millionen Fliegen. Wir brachten Obst und Gemüse, aber sie weigerte sich, es anzunehmen. Ihre ganze Wut und ihr Schmerz richteten sich gegen uns. Und wir blieben ohne Worte. Was kann ich einer Frau sagen, deren Leben mein Volk immer wieder zerstört? Ich versuchte ihre Hand zu nehmen, aber sie zog sie schnell zurück. Also blieben wir, Ruti und ich, sitzen und rührten uns nicht. Ihre Schwiegertochter brachte ihr dann eines der Babys und ihre Wut löste sich auf. Ruti kitzelte das Kleine und sein Lachen brach das Eis.

Zerstörung von Humsa Al Foqa. Foto via Quds News

Und wieder fingen sie an, Schafställe zu bauen, und unsere Freunde mit ihnen Schulter an Schulter — und wieder brachte die Palästinensische Autonomiebehörde 2 Zelte.

Ich verließ den Ort niedergeschlagen und schmerzerfüllt, aber auch voller Bewunderung für die Entschlossenheit der Einwohner von Humsa, ihr Zuhause immer wieder von Neuem aufzubauen (als ob sie eine andere Wahl hätten!). Meine Freunde sind vor Ort geblieben, um ihnen beim Aufbau zu helfen.

Nach Anbruch der Dunkelheit und in völliger Finsternis (denn seit der Zerstörung im November haben sie keine Solarpanele mehr) kam die Armee zum zweiten Mal an diesem Tag und konfiszierte das Lamm des Armen, das Wenige, das sie sich aus den gefundenen Resten gebaut hatten, und die Zelte, die sie vor der Eiseskälte schützen sollten.

Vertreter der Ziviladministration der Besatzungsmacht teilten ihnen mit, dass sie nach Ein-Schibli, 15 km entfernt, umgesiedelt werden sollten, eine halburbane und dicht bevölkerte Gegend auf der Grenze zwischen der B- und der C-Zone. So ein Transfer bedeutet für sie die totale Zerstörung ihrer seit Hunderten von Jahren bestehenden Lebensweise als Schäfer und den Entzug der Lebensgrundlage von 11 Familien mit 45 Kindern. Die Einwohner haben nicht vor, dorthin zu ziehen. Israel übt einen unmenschlichen und unmoralischen Druck in der Absicht aus, den Transfer der Bewohner von Humsa zu erzwingen, der Nachkommen der 1948 aus dem Negev Vertriebenen.

Es gibt keinen Zweifel: Das ist nicht das Ende. Eines der stärksten, hochgerüsteten Regime der Welt gegen die alte Aische, Nidam und Cherbi.

Daphne Banai, 3. Februar 2021

Get the Medium app

A button that says 'Download on the App Store', and if clicked it will lead you to the iOS App store
A button that says 'Get it on, Google Play', and if clicked it will lead you to the Google Play store