“Das ist eine Rückkehr zur Schule, die niemand verdient”- UNRWA — Weekly Summary, 16.09.2021

Was in der Woche vom 09.- 16.09.2021 im historischen Palästina passierte

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Getötet: Am Freitag tötete die Besatzungsarmee den palästinensischen Arzt Hazem Al Joulani (51) im besetzten Jerusalem. Die israelische Polizei veröffentlichte ein Video, auf dem zu sehen ist, wie eine Person die Al Wad-Straße hinunterläuft & versucht, einen Angehörigen der Besatzungspolizei in der Nähe des Militärkontrollpunkts Bab Al Majlis anzugreifen. Sofort eröffneten sie das Feuer auf ihn, sein Körper erlitt mindestens 4 Schusswunden in Brust & Rücken. Er lag eine Stunde lang in der Lache seines eigenen Blutes. Das leisten von Erster Hilfe wurden Umstehenden untersagt, die Polizei selbst unternahm ebenfalls keine Erste Hilfe-Maßnahmen & ließ ihn unter Verletzung des humanitären Völkerrechts verbluten. Auf einer weiteren Videoaufnahme ist zu sehen, wie ein Mitglied der Polizei seinen Fuß auf Al Joulanis verwundeten Körper stellt, während dieser blutend am Boden liegt; als er versucht, seinen Körper zu bewegen, drückt der Polizist seinen eigenen Körper gegen eine Wand, um den Druck auf Al Joulanis Körper zu erhöhen. Dies verstärkte Joulanis Blutungen massiv. Nachdem al-Joulani für tot erklärt worden war, stürmte die IOF sein Haus und verhaftete seine Frau, sein Kind & seine beiden Brüder. Sie wurden zu dem Vorfall verhört & einige Stunden später wieder freigelassen.

Politische Gefangene: Mittlerweile konnten Anwälte die letzte Woche aus dem Gilboa Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochenen & kurze Zeit später wieder aufgegriffenen 4 Widerstandskämpfer besuchen. Tagelang wurde Anwälten der Kontakt zu ihren Klienten durch israelische Behörden verwehrt, nun gaben diese dem öffentlichen Druck nach. Alle 4 Gefangenen berichteten von intensiven Verhören & Folterungen bis zu 18 Stunden am Tag durch 8 bis 10 Polizisten gleichzeitig. Einer von ihnen, Zakaria Zubeida, musste zeitweise in ein Krankenhaus in Haifa eingeliefert werden. Ihm brachen israelische Beamte den Kiefer sowie zwei Rippen. Muhammad Al Arda wurde gezwungen, nackt während der Verhöre zu sein & schwer geschlagen. Ihm wird auch der Schlaf entzogen: Während der 4 Tage zwischen seiner Verhaftung & dem 1. Besuch seines Anwalts durfte er nach eigenen Aussagen insgesamt nur 10 Stunden schlafen & nur einmal essen. Alle 4 befinden sich in Einzelhaft in Zellen von nur 1 x 2 m Größe. Yaqoub Qadri beschrieb seine Tage in Freiheit während der Flucht als die schönsten seines Leben. Er habe zum ersten Mal in seinem Leben den Teil Palästinas [das heute Israel ist] sehen können, aus dem seine Familie 1948 vertrieben wurde. Zum ersten seit seiner Inhaftierung 2003 konnte er wieder Feigen & Orangen essen. Er sagte aus, dass er wieder die Flucht versuchen will, “denn es gibt nichts schöneres als die Freiheit”. Zwei der 6 entflohenen sind nach wie vor noch nicht gefasst.

Der diese Woche angekündigte Massenhungerstreik von über 1.000 politischen palästinensischen Häftlingen wurde kurzfristig abgesagt. Dies wurde von Häftlingskomitees verkündet, nach dem israelische Behörden einer Reihe ihrer Forderungen nachkam. Man wolle vorerst weitere Verbesserungen der Haftbedingungen sowie der Behandlung Gefangener verhandeln. Mehr Informationen:

Aktuell befinden sich 6 Palästinenser im Hungerstreik gegen ihre Administrativhaft. Diese ist eine Willkürhaft, welche von der israelischen Besatzung ohne Nennung von Gründen oder Beweisen sowie ohne Gerichtsverfahren & Urteil gegen Palästinenser*innen verhängt wird & beliebig oft ohne Angaben von Gründen verlängert werden kann. Kayed Fasfous hungert aktuell seit 56 Tagen für seine Freiheit, hat dadurch über 35kg verloren & Schmerzen im gesamten Körper. Sein Gesundheitszustand wird immer besorgniserregender.

Zwei Stunden nach seiner Freilassung wurde Umar Ubeid (26) er erneut verhaftet. Er wurde gerade nach 6,5 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Zwei Stunden, nachdem er sein Haus in Jerusalem erreicht hatte, wurde er erneut verhaftet. Ein Grund für die Verhaftung wurde nicht genannt. Seine frühere Verhaftung stand im Zusammenhang mit Anschuldigungen gegen die Besatzung.

Westjordanland

Alltag: Die israelische Besatzungsarmee fiel diese Woche 122 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat*innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Während der Übergriffe in dieser Woche wurden 105 Palästinenser:innen verhaftet, darunter 4 Frauen & 16 Kinder. Darunter befindet sich der 13-jährigen Mustafa Khalil Ameereh, welcher von israelischen Soldat:innen geschlagen & verhaftet wurde, als er sich auf dem Land seiner Familie in Ni’lin im Westen Ramallahs aufhielt. Laut Aussagen der Familie, verhörten israelische Polizisten stundenlang das Kind & enthielten ihm Schlaf & Nahrung vor. Erst am frühen Morgen des folgenden Tages ließen sie wieder frei.

Unter den verhafteten Frauen befindet sich Sherihan Shawkah (33) die Ehegattin von Hasan Shawkah (34) aus dem besetzten Bethlehem. Die Besatzung will ihren Mann verhaften, kann ihn jedoch nicht finden. Nachdem sie letzte Woche Hasans Vater & Bruder entführten, um ihn zu zwingen, sich zu stellen, nahmen sie am Dienstag auch seine Ehefrau fest. Ein solches Vorgehen ist nicht mit den Menschenrechten vereinbar.

Mehrmals attackierte israelische Soldat:innen diese Woche palästinensische Schüler:innen im besetzten Westjordanland. Die Besatzungsarmee feuerte Tränengaskanister auf “mindestens 8 Kindergärten & UNRWA-Schulen [darunter eine für Mädchen] im südlichen Teil des besetzten Hebron”, so die palästinensische Journalistin Maha Hussaini. Dies versetze zahlreiche Kinder in Atemnot & Panik. Immer wieder werden Kinder auf dem Weg zur Schule oder auch während des Unterrichts Opfer von Soldatenwillkür. “So traurig und schrecklich ist es, in Al Khalil (Hebron) im Westjordanland zur Schule zu gehen. Die Schule dieser Mädchen wurde von den israelischen Streitkräften mit Tränengas beschossen. Das ist eine Rückkehr zur Schule, die niemand verdient”, heißt es in einem spanischsprachigen Bericht des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge (UNRWA).

Ein Bericht der NGO Save the Children [1] im April 2020 ergab, dass die häufigsten Angriffe, von denen Schüler:innen im Westjordanland berichten, der Einsatz von Tränengas & militärische Razzien sind. Drei Viertel der Kinder berichteten, dass ihre Schulen angegriffen wurden, in Nablus sind es gar 93%. Drei Viertel der Kinder haben Angst, auf dem Schulweg Militärpersonal oder Siedlern zu begegnen, die sie beschimpfen oder mit Tränengas oder körperlichen Angriffen bedrohen könnten.
Ein Viertel aller Schüler fühlt sich in der Schule nicht sicher, viele leiden unter Ängsten & Stress, die sich in körperlichen Symptomen wie unkontrollierbarem Zittern, Ohnmacht, Verlust des Selbstvertrauens & Verzweiflung äußern. Fast ein Drittel der Kinder berichtet, dass sie aufgrund der Probleme, mit denen sie regelmäßig konfrontiert werden, Schwierigkeiten haben, sich im Unterricht zu konzentrieren. 80 % von ihnen gaben “Angst” als Hauptgrund für ihre Schwierigkeiten bei den Schularbeiten an.

Darüber hinaus unterdrückte auch diese Woche die Besatzung jede Form von Protest gegen Besatzung, Landraub & Siedlungsbau mit Gewalt. Auch die Solidaritätskundgebungen & Mahnwachen für die letzte Woche aus Gilboa ausgebrochenen Widerstandskämpfer wurden großteils gewaltsam beantwortet. Es kam zu zahlreichen Verletzten, darunter der Journalist Nedal Al Natsha (34).

Die israelische Besatzungsarmee meldet einen starken Anstieg der Widerstandsaktivitäten im Westjordanland nach der Flucht der 6 Gefangenen. Aus der Nähe der Stadt Jenin, aus der die 6 geflüchteten Gefangenen stammen, wurden mehrfach Schüsse auf einen israelischen Militärcheckpoint gemeldet. In der Nähe von Bethlehem wurde ein Siedler durch Steine verletzt, die von Palästinenser:innen geworfen wurden. In der Nähe von Ramallah explodierte eine kleine Bombe in einem Fahrzeug der israelischen Armee. Seit mehr als 15 Jahren sind diese Angriffe fast nicht mehr vorgekommen. Es gibt aktuell keine Berichte über Verletzte auf Seiten des Militärs.

Muhammad Thawabteh (27) wurde nahe dem besetzten Al Khalil (Hebron) angeschossen & zur Busstation geschleift, wo Soldaten & Siedler weiter auf ihn einschlugen. Videoaufnahmen zeigen, dass diese gemeinsam den Rettungskräften den Zugang zu dem angeschossenen verweigerten. Später behauptete die Besatzungsarmee, der verwundete Palästinenser hätte versucht, Soldat:innen anzugreifen. Als vorgeblicher Beweis dient ein Schraubenzieher, den er bei sich hatte. Kein Soldat wurde verwundet. Häufig werden auch kleine Obst- oder Taschenmesser, egal ob vom Einkauf, vergessen oder für einen Tagesausflug gedacht, Palästinenser:innen zum Verhängnis & ihnen als Angriff ausgelegt, wenn sie von Soldat:innen entdeckt werden.

Der minderjährige Palästinenser Bassel Shawamreh (17) wurde schwer verletzt, nachdem er in Jerusalem von Besatzungskräften angeschossen wurde. Er hat nach Angaben des Roten Davidstern zwei Israelis mit einem Messer verletzt.

Siedlergewalt: Im besetzten Al Khalil (Hebron) attackierten Siedler diese Woche 2 palästinensische Familienhäuser. Nahe Betlehem rissen sie 50 Olivenbaumsetzlinge aus & schadeten so finanziell massiv palästinensischen Farmer:innen. Ebenso drangen diese Woche erneut Siedler in Begleitung der israelischen Armee in die Al Aqsa-Moschee ein, deren Zerstörung sie zu Gunsten eines jüdischen Tempels fordern. Sie versuchen durch regelmäßiges Eindringen die anwesenden gläubigen Muslime zu provozieren & einzuschüchtern & stören die religiöse Ruhe.

Freiluft Gefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird.

50.000 Corona-Impfdosen wurden von der israelischen Besatzungsarmee auf ihrem Weg nach Gaza beschädigt. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden die Sputnik-Impfstoffe vor der Auslieferung getestet. Die israelischen Behörden zwangen die Lieferungen zweimal drei Stunden lang aus den Gefrierschränken zu nehmen. Nach ihrer Ankunft wurden sie getestet & für untauglich befunden. Impfdosen im Gazastreifen sind durch die israelische Blockade sehr knapp, der Anteil der gegen Corona geimpften Personen liegt immer noch unter 10 %.

Israelische Kampfflugzeuge bombardierten 3 Nächte in Folge mehrere Orte im Gazastreifen. Ein Bauernhof wurde zerstört & landwirtschaftliche Ackerflächen beschädigt. Verletzt wurde niemand. Israel behauptet, dass militante palästinensische Widerstandsgruppen in 2 aufeinanderfolgenden Nächten jeweils eine Rakete auf israelisches Gebiet abgefeuert haben & diese beiden Raketen durch das israelische Luftverteidigungssystem abgefangen wurden.

Israel

In dieser Woche wurden im gesamten historischen Palästina zahlreiche Demos in Solidarität mit allen palästinensischen politischen Gefangenen abgehalten. Viele von ihnen wurden von Palästinenser:innen mit israelischer Staatsbürgerschaft organisiert, u.a. in Nazareth, Haifa & Um Al Fahm. Eine Demo in Nazareth, Israel, fand vor dem Gericht statt, in das die 4 geflohenen & wieder verhafteten Häftlinge gebracht wurden. Sie drückten ihre Solidarität mit den palästinensischen Gefangenen aus. Die 4 Widerstandskämpfer sagten zu ihren Anwälten, dass diese Kundgebung vor dem Gericht ihnen unglaublich viel Kraft gegeben habe.

In Jaffa/Tel-Aviv soll es zu einem Messerangriff gekommen sein. Es wurde ein Palästinenser festgenommen, der einen israelischen Staatsbürger erstochen haben soll.

Zwei Familienhäuser von Palästinenser:innen mit israelischer Staatsangehörigkeit wurden in Lydda (Lod) von israelischen Behörden zerstört.

[1] Der Bericht von Save the Children zur Situation palästinensischer Schulkinder im Westjordanland

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