“Der Tag danach” — Ein Vor-Ort Bericht aus Jenin

Occupied News
7 min readJun 23, 2023

Ein Beitrag von Lena, Jenin

Am Tag nachdem die Kampfhubschrauber Jenin bombardiert haben, mache ich mich auf den Weg nach Jenin. Ich habe keinen Plan, nur ein paar Kontakte und eine erste Anlaufstelle: das Freedom Theatre Jenin, gelegen im Flüchtlingslager Jenin, wo ich 2015 bis 2016 gearbeitet habe. Ein Bericht aus Jenin in zwei Teilen.

Teil 1: Nach dem letzten Himmel

Die meisten, die mir jetzt auf dem Weg entgegen kommen, tragen schwarze Kleidung. Das Lager ist in Trauer. Sechs [mittlerweile sind es 7, Anm. d. R.] Tote hat der Angriff der Kolonialarmee bis dahin gekostet. Überall im Lager sind Azzas, Totenwachen. Ich komme an mehreren Denkmälern für Getötete vorbei, die vor einem Jahr noch nicht hier waren. Einige fest gebaut, aus Stein mit eingravierten Namen, einige erst provisorisch, weil noch keine Zeit war ein wirkliches Denkmal zu errichten.

Steine, zwei Pflanzen und kleine Palästinafahnen markieren die Stelle, an der Ahmad getötet wurde. Fotos: Lena

Die Wände sind voll von Plakaten für Getötete. Shaheed lautet das arabische Wort für Märtyrer, es hat die Wurzel sha-ha-da — bezeugen. Märtyrer sind nicht einfach tot. Sie bezeugen, dass da etwas ist, was über der Gewalt der Besatzung steht, etwas was stärker ist, als die übermächtige Armee. Der Glaube an Freiheit und Würde. Freundschaft und Solidarität.

An den Eingängen zum Camp sind selbstgeschweißte Straßensperren aufgebaut. Dazu Gasflaschen, die als improvisierte Bomben fungieren sollen. „Tagsüber entschärfen wir sie, wegen der Kinder“, das ist dem Bewohner des Camps wichtig, als ich ihn nach den Gasflaschen frage. Die Armee aufhalten können sie damit nicht. Aber ein paar Minuten Zeit verschaffen sie im besten Fall, etwas Zeit für die Kämpfenden, etwas Zeit für die Bewohner:innen sich in Sicherheit zu bringen. „Ich schlafe nur noch komplett angezogen, damit ich jederzeit aufstehen kann, wenn es wieder losgeht“, erzählt mir eine Frau.

Straßensperren. Foto: Lena

Die Einheiten im Camp versuchen so gut es geht ihren Selbstschutz zu organisieren. Tagsüber patrouillieren sie auf Motorrollern. Zu oft ist die Armee in zivilen Fahrzeugen in das Lager gefahren und hat Menschen hingerichtet. Ahmad Tobasi, der künstlerische Leiter des Freedom Theaters, kennt viele derjenigen, die hier patroullieren, seit sie Kinder waren. „Ein wirklich talentierter Schauspieler“ kommentiert er, nachdem er freundlich gegrüßt hat, „jetzt steht er auf den israelischen Fahndungslisten“. Ein anderer ist ein großartiger Comedian, versichert Ahmad, „er hat das ganze Theater zum Lachen gebracht“. Jetzt ist er im Widerstand. In einem der Gesichter der Kämpfer erkenne ich ein Lachen wieder, was ich kenne, auch wenn ich jetzt in seinem Gesicht suchen muss, um es wieder zu finden. Mit ein paar Waffen, Planen, Sandsäcken, provisorischen Bomben stellen sie sich einer der am besten gerüsteten Armeen der Welt entgegen. Die Besatzer kommen mit Panzern und Granaten, mit Scharfschützen und Drohnen, mit Kampfhubschraubern und Raketen.

Straßensperren & Gasflaschen, die im Fall einer weiteren Invasion die Besatzungstruppen behindern sollen, um Zeit für den palästinensischen Widerstand & die Bewohner:innen des Lagers zu gewinnen. Foto: Lena

Die Verteidiger:innen des Camps haben sich entschieden zu kämpfen. Doch sie haben sich diesen Kampf nicht ausgesucht. Es ist die Armee, die zu ihnen kommt. Die sie weiterverfolgt, nachdem ihre Familien 1948 aus ihren Häusern vertrieben wurden. Die ihnen keine Ruhe lässt. „Wohin sollen die Vögel fliegen, nach dem letzten Himmel“? fragt Mahmoud Darwish in einem seiner Gedichte. „Ich würde dem Widerstand jederzeit meine Türe öffnen“, erklärt mir eine Frau. „Nehmt das Haus, nehmt alles was ihr braucht“. In deutschen Nachrichten sprechen sie von dem Camp als „Hochburg militanter Palästinenser“. Aber das Camp ist viel mehr. Es ist ein Ort an dem gestritten und geheiratet wird, gekocht und geliebt. Ein Ort, an dem Obst von Bäumen geklaut und Fußballturniere ausgetragen werden. Es ist der Ort an dem Kinder geboren werden und ihre ersten eigenen Schritte machen und der Ort, an dem Sadeel auf der Bühne stand und tanzte. Das Camp ist ihr Zuhause. Ein Zuhause, was sie bereit sind zu verteidigen. Und ich brauche kein Völkerrecht um zu wissen, dass sie jedes Recht der Welt dazu haben.

Sadeel erlag gestern ihren Verletzungen, die sie beim Militärüberfall auf Jenin durch israelische Soldat:innen erlitten hatte. Sie wurde nur 14 Jahre alt. Sie wurde schwer am Kopf verwundet, als sie gerade zu Hause war.

Eine Gruppe Jungs auf E-Rollern düst auf der Straße vor dem Krankenhaus hin und her, sie fragen mich, was ich hier mache. Als ich ihnen erkläre, dass ich versuchen will zu beschreiben, was hier passiert ist, aber nicht weiß, wo ich anfangen soll, zögert der Kleinste von ihnen keinen Moment: „Komm mit zu uns, sie haben auf unser Haus geschossen“. Einen Satz, den ich noch öfter hören werde: „Wir haben zwei neue Einschusslöcher in der Wand“, „Bei uns haben sie ins Kinderzimmer geschossen“, „Ich hatte die Türe gerade erst neu machen lassen, jetzt ist sie schon wieder kaputt“. Sie schaffen es trotzdem noch Witze zu machen: „Unser Schrank ist verletzt, er hat drei Löcher abbekommen“. Wer über Jenin schreiben will, der kann in jedem einzelnen Haus dieses Camps damit anfangen.

Der Laden war geschlossen und mit einem Metalltor verriegelt, als die Armee kam, aber die Wucht der Kugeln durchschlug Metall und die dahinter liegende Scheibe. Foto: Lena

Der Arzt der Notaufnahme des Ibn Sina Krankenhauses erinnert sich, wie die Menschen hier nach Schutz suchten: „Ich war hier in der Notaufnahme, die Menschen sind geflohen, sie hofften hier sicher zu sein. Aber sie haben auch das Krankenhaus beschossen“. Ich zeige ihm einen Artikel der TAZ. Auf dem Foto ist der Eingang des Krankenhauses zu sehen, eine Gruppe junger Männer duckt sich hinter einen Krankenwagen. Niemand von ihnen trägt eine Waffe. Bildunterschrift: „Kämpfe zwischen israelischen Streitkräften und militanten Palästinensern vor einem Krankenhaus“. Als ich ihm das übersetze, schüttelt er fassungslos den Kopf. „Das ist hier, der Eingang des Krankenhauses. Da hatte niemand eine Waffe. Vier Leute wurden in diesem Moment durch israelische Kugeln verletzt“.

Als ich in Jenin gelebt habe, musste ich manchmal raus aus der Enge und den Gassen des Camps. Dann bin ich den Hügel hoch, an dessen Hängen das Camp errichtet wurde. Ich liebte es am Abend hier zu sitzen, den Wind zu spüren, das Camp unter mir zu sehen und zu hören wie der Adhan, der Gebetsruf, einsetzte. Ein paar Sekundenbruchteile versetzt bei jeder Moschee, so dass es einen Moment dauerte bis der Gebetsruf die ganze Ebene erfüllte. Vielleicht war er an der Grenze noch zu hören, die im Dunkeln rot aufblinkte und Jenin von den 48er Gebieten im Norden trennt. Die Bewohner:innen lebten ursprünglich in Orten im Norden des historischen Palästina, Haifa, Nazareth, Tiberias. Vielleicht hörte man ihn sogar bis in die Häusern hinter dem Sicherheitszaun. Häuser, die einst das Zuhause für die Menschen aus dem Camp waren, in Sichtweite und doch unerreichbar. Heute ist ein Lautsprecher kaputt, er wurde von Kugeln getroffen. Deswegen hört man nur undeutlich, wenn aus der Moschee vor erneuten Angriffen gewarnt wird. Oder wenn die Namen der Gestorbenen vorgelesen werden.

Nur ein Beispiel von vielen: Einschusslöcher in ein Wohnhaus im Westen des Flüchtlingscamps nachdem die Armee willkürlich das Feuer eröffnet hat. Foto: Lena, Occupied News

Bei einem Besuch im Camp vor einigen Wochen zeigte uns Ahmad Tobasi, der künsterlische Leiter des Freedom Theatrs ,den neuen Friedhof: „Als ich aus Norwegen zurückkam konnte ich es nicht glauben. Das alles hier war eigentlich gar kein Friedhof. Und jetzt ist hier kein Platz mehr für die Toten“. Als ich jetzt dorthin gehe, sind mehrere Gräber frisch ausgehoben. Die Bare, auf der die Toten in die Gräber getragen werden, steht noch an der Seite. Die letzte Beerdigung ist erst ein paar Stunden her. Wer weiß, wann sie wieder gebraucht wird. „Die Jugend des Camps stirbt, als wären sie Blumen.“

Friedhof in Jenin. Foto: Haaretz

Für die Frauen im Camp, mit denen ich spreche, ist es keine Frage, ob nochmal ein ähnlich gewaltvoller Angriff kommt wie am Montag, sondern nur wann. Nur 24 Stunden später setzt die Armee bewaffnete Hermes-Drohnen der Filma Elbit Systems gegen das Camp ein.

Drohne ELBIT Eine Drohne vom Typ Hermes 450 der Firma Elbit, wie sie in Jenin eingesetzt wurde. Elbit produziert unter anderem in Ulm und arbeitet mit Frontext sowie zahlreichen deutschen Waffenherstellern zusammen.

Drei Leichen sind so verbrannt, dass sie zunächst nicht identifiziert werden können. Ahmad Tobasi wird bei unserem Besuch nur einmal wirklich wütend, dass ist, als er nach Hoffnung gefragt wird. „Erzählt mir nichts von Hoffnung.“ Ich glaube er hat Recht. Wie können wir es wagen von Hoffnung zu sprechen. Ich bin die Diskussionen müde, ob bewaffneter Widerstand jetzt legitim ist oder nicht. Es reicht mir nicht hier und da etwas Aufmerksamkeit zu schaffen. „Schreib nur“, sagt Ahmad, „schreib du nur. Es haben schon so viele geschrieben. Was hat es uns gebracht?“ Was ich will, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung darüber, wie Palästina frei sein kann. Ich glaube nicht, dass diese Befreiung durch Menschenrechte, NGOs und die Vereinten Nationen kommen wird. Was können wir aus vergangenen Kämpfen lernen? Was ist die Rolle der Diaspora im Kampf? Was sind unsere wichtigsten Aufgaben in Deutschland? Was ich brauche, ist eine Strategie. Damit das endlich aufhört. Damit in den Kindergärten von Jenin nicht länger das einzige Entwicklungsziel lautet: „Dass die Kinder nicht mehr sterben wollen“.”

Als ich mich dieses Mal auf den Rückweg von Ramallah begebe, müssen wir unterwegs wenden. Auf dem Weg, den wir eigentlich fahren wollten, greifen Siedler:innen palästinensische Autos an. Kurz vor Turmusaya steht ein israelischer Polizeiwagen. Alle palästinensischen Autos müssen abbiegen. Nur die Siedler:innen dürfen weiter fahren. Immer mehr Autos winkt der Polizist mit Maschinengewehr in Richtung des Dorfes. Kurze Zeit später beginnt das Pogrom auf Turmusaya.

Und wieder bin ich so verdammt hilflos.

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