Die unerträgliche Schwere des Krieges — Sonntag, 23.05.2021

Einzelne Menschen aus Gaza berichten von ihren Ängsten & Erlebnissen während des 11-tägigen Angriffs auf die seit 14 Jahren von Israel abgeriegelte Enklave. “Als wir hörten, wie die Bomben immer näher kamen & mehrere Krankenwagen sich näherten, warfen wir uns Abschiedsblicke zu & umarmten uns dann herzlich”, so z.B. der erst 17-jährige Ibrahim Al Talaa.

Diesem Blog kann man bequem mit dem Handy folgen: Telegram: https://t.me/occupiednews, Twitter: @occupiednews1 & Instagram: @occupiednews

Zwar hat Israel sich nur wenige Stunden an die vereinbarte Waffenruhe gehalten & attackiert seit gestern wieder Gläubige in der Al Aqsa-Moschee. Aber die Menschen in Gaza können vorerst aufatmen. Während es aktuell keine Bomben auf den Gazastreifen regnet, kommen nun in der Küstenenklave Geschichten von Angst, Resignation & Überleben hervor. Man beginnt, oder besser formuliert, versucht, das Erlebte langsam zu verarbeiten, in dem es anspricht. Viele verängstigte Zivilisten begannen, sich während des 11-tägigen Angriffs von ihren Familienmitgliedern & Freunden zu verabschieden, da sie befürchteten, bei einem der nächsten Bombenabwürfe zu sterben. Der 11-tägige Angriff auf Gaza war einer der schwersten israelischen Angriffe auf die palästinensische Enklave überhaupt.

Ein Mann hat den Bombenregen auf das Viertel Al Rimal, Gaza, überlebt, seine Kinder & Frau jedoch nicht. Gaza, 16.05.2021

Ibrahim Al Talaa (17) lebt im Lager Mughazi im Zentrum des Gazastreifens. Er gehörte zu denen, die über Facebook einen letzten Abschiedsgruß an erweiterte Familienmitglieder & Freunde schickten. Ibrahim erzählte von seinem härtesten Tag während des blutigen Angriffs, als israelische Kampfjets in der Nähe seines Hauses schwere Bomben abfeuerten. Er sagt, er habe sich gefühlt, als wäre es das Ende für ihn & die Lieben in seiner Umgebung.

Das jüngste Kind, ein Baby, hat überlebt, Muhammad Al Hadidis Frau & seine drei anderen Kinder nicht. Gaza, 15.05.2021

Die Zahl der palästinensischen Todesopfer lag am Samstag bei 248, darunter 66 Kinder. Mehr als 1.900 Menschen wurden durch israelische Luft- & Artillerieangriffe verwundet. Der Raketenbeschuss durch militante palästinensische Widerstandsgruppen tötete mindestens 12 Menschen in Israel, darunter 2 Kinder.

Nachdem die israelische Militäraktion gegen Gaza begann, versammelte sich Ibrahims Familie, darunter seine Eltern, 4 Brüder & 3 Schwestern, in einem Raum & hoffte, dass sie alle gemeinsam überleben — oder sterben — würden. Als israelische Jets angriffen, begann die Familie Al Talaa sich zu verabschieden.

Der Teenager schrieb dann einen Facebook-Abschiedspost. “Mein Freund rief mich an, um nach mir zu sehen, nachdem ich es gepostet hatte, & ich sagte ihm, wie sehr ich ihn liebe”, sagt er.

Reem Hani (25) lebt mit ihren Eltern & 5 Geschwistern im Stadtteil Shuja’iyya. Am 14. Mai begann das israelische Militär mit dem Beschuss der etwa 100 Meter entfernten Ostgrenze von Gaza-Stadt.

Bombenangriff auf Gaza in der Nacht zum 18.05.2021

Nach 4 Stunden wurde der Beschuss viel heftiger & näher & schlug wahllos in alle Richtungen ein”, sagte sie zu Al Jazeera. “Wie verrückt schrie mein älterer Bruder uns an, wir sollten uns beeilen & ins Auto steigen. Wir hatten eine Tasche mit unseren Habseligkeiten dabei, darunter alle unsere Dokumente.”

Im Jahr 2014 griff Israel auch das Viertel Shuja’iyya mit Jets & Panzern an & machte die meisten Häuser dem Erdboden gleich. Auf der Flucht im Auto ihres Vaters sah Reem dieses Mal die gleiche Szene wie 6 Jahre zuvor: Hunderte von Menschen rannten auf den Straßen, einige barfuß & mit ihren Kindern, alle auf dem Weg in den Westen des Gazastreifens. Andere waren auf Motorrädern, Taxis & Eseln unterwegs, die ständigen Schüsse & Explosionen erhellten die Dunkelheit.

Reem & ihre Familie überlebten, sie wohnen jetzt bei ihrem Onkel in einer Mietwohnung, nachdem seine eigene Wohnung von einem Drohnenangriff getroffen wurde.

Diese 3 Kinder haben einen israelischen Bombenangriff auf Gaza in der Nacht auf den 14.05. 2021 überlebt.

Maha Saher (27) aus dem Stadtteil Al Zaytoun, ist Mutter von 2 Töchtern — Sara (4) & Rama (5 Monate). Ihr Mann ist Fotojournalist. Wenn Angriffe in Gaza beginnen, muss er seine Familie verlassen, um seiner Arbeit nachzugehen. “In Abwesenheit meines Mannes trage ich die volle Verantwortung für den Schutz meiner Töchter vor jedem noch so kleinen Schaden in diesem brutalen Krieg”, sagt Maha. “Ich habe Angst um meinen Mann, während er mit seinen Fotos der westlichen Welt die Wahrheit vermittelt, & um meine Töchter, weil wir alle — Kinder, Frauen, Journalisten, Ärzte & alle Zivilisten — ins Visier der Israelis geraten”, fügt sie hinzu.

Opfer des Angriffs auf die Al Wehda Straße im Al Rimal Viertel von Gaza.

Israelische Kampfflugzeuge bombardierten am Sonntag, den 16.05.2021, drei Häuser in der Al Wehda Straße. Unter den Trümmern kamen insgesamt 42 Zivilisten, meist Kinder & Frauen, ums Leben, 3 Familien wurden ausgelöscht. “Dann zerstörten sie die Straße selbst, um zu verhindern, dass die Krankenwagen & Feuerwehrfahrzeuge die zerstörten Gebäude & die Verwundeten erreichen”, berichtet Maha.

Sie erzählt, sie sei während der Angriffe die ganze Nacht wach geblieben, um auf ihre Kinder aufzupassen & schlief dann jeden Tag etwa 30 Minuten nach Sonnenaufgang. Während der schwersten Angriffe weinte ihre Tochter Sara unkontrolliert & bat darum, dass ihr Vater nach Hause zurückkehren möge. “Ich rief meinen Mann an, damit Sara mit ihm sprechen konnte. Sie sagte ihm, wie sehr sie ihn vermisse & bat ihn, zu kommen & mit ihr zu spielen. Er blieb stumm, unfähig zu antworten”, erzählt sie.

Der Vater der 12-jährigen Rafeef Abu Dayer hält ihren zugedeckten Körper im Shifa-Krankenhaus. Rafeef wurde bei einem israelischen Luftangriff am 17.05.2021 in Gaza getötet, der die oberen Stockwerke eines Geschäftsgebäudes zerstörte & Schäden am nahegelegenen Gesundheitsministerium & der Klinik für Erstversorgung in Gaza-Stadt verursachte.
Viele Tote & wenige Lebende werden im Mai aus den Trümmern der Wohnhäuser in Gaza gezogen.

Wie eine Mutter aus Gaza 11 Tage durch die Hölle ging

Wie die Künstlerin & Schriftstellerin Ola Mousa aus Gaza den Krieg erlebt hat:

“Ich konnte die Angst meiner Tochter nicht wegmachen. Das war eine schreckliche Erfahrung, die eine Mutter durchmachen muss. Majd, mein 18 Monate altes Kind, konnte ständig das Geräusch der Kriegsflugzeuge hören, die den Gazastreifen 11 Tage hintereinander angriffen.

Ich umarmte sie und versuchte, sie zu trösten. Aber ihr Herz klopfte immer wieder schnell. Wir wohnen ein paar hundert Meter vom Al Jawhara-Turm in Gaza-Stadt entfernt. Am 11. Mai erfuhr mein Mann von der Absicht Israels, dieses Gebäude zu bombardieren, in dem sich eine Reihe von Medienorganisationen & Gesundheitskliniken befanden. In der Erwartung, dass unser eigenes Haus beschädigt werden würde, wenn die Bombardierung stattfinden würde, haben wir es sofort evakuiert.

Ein Twitteruserin aus Gaza zeigte der Welt dieses Bild ihrer Kinder, die während israelischer luftangriffe zu schlafen versuchen.

Wir mussten auf die Straße gehen. Wir haben in Gaza keine Luftschutzbunker. Draußen stand ich neben einem 4-jährigen Mädchen. Sie hielt eine Barbie-Puppe. Ich hielt Majd. Wir warteten stundenlang. Es fühlte sich an, als würden wir darauf warten, von einem Gefängniswärter verprügelt zu werden.

Schließlich feuerte Israel mehrere Raketen auf das Al Jawhara-Gebäude ab. Majd zitterte bei jeder Rakete, die abgefeuert wurde.

Ihr Vater versuchte, sie zu beruhigen. Er versuchte, fröhlich zu wirken & sagte ihr, dass das Geräusch, das sie hören konnte, nur Feuerwerk sei. Sie glaubte ihm nicht. Keines der anderen Kinder um uns herum ließ sich von seinen Versuchen, fröhlich zu bleiben, überzeugen. Der Lärm war erschreckend.

Die kleine Majd.

Israel unterzog Gaza früh am nächsten Tag einer Reihe von Luftangriffen. Sie waren so stark, dass wir spüren konnten, wie der Boden bebte. Wir sahen ein intensives rotes Licht & eine Rakete, die in den Boden krachte. Majd zitterte. Ihr Vater hielt uns in seinen Armen & versuchte, uns zu beschützen.

Als wir während des 11-tägigen Angriffs zu Hause waren, versuchten wir, in der Mitte der Räume zu bleiben. Wir versuchten, uns von Fenstern & Türen fernzuhalten.

Wir hatten oft keinen Strom & konnten das Internet nicht nutzen. Das Handysignal war zeitweise zu schwach, um meine Mutter anzurufen, die in Rafah — nahe der Grenze von Gaza zu Ägypten — lebt. Al Rimal, unser Viertel in Gaza-Stadt, glich immer mehr einer Geisterstadt, je länger der Angriff andauerte. Viele Gebäude in unserer Nähe wurden bombardiert.

Darunter auch der Al Jalaa-Turm, in dem Journalisten von Al Jazeera & AP ihre Büros hatten. Er ist etwa 200 Meter von unserem Haus entfernt. Wir wohnen auch ganz in der Nähe der Al Wihda-Straße in Gaza-Stadt. Mehr als 40 Menschen wurden getötet — darunter mehrere Mitglieder der Familie Al Kolaq — als Israel letzten Sonntag Wohnhäuser in dieser Straße bombardierte. Es wurde keine Warnung ausgegeben.

Die Zerstörung des Al Jaala-Turms durch Israel, Gaza, 15.05.2021

Die Woche vor Israels Angriff war so etwas wie ein Meilenstein für unsere Familie. Majd hatte angefangen zu laufen. Während der 11 Tage des israelischen Angriffs war sie so verängstigt, dass ihre neue Fähigkeit sie manchmal im Stich ließ. Sie hatte Schwierigkeiten zu gehen, weil sie so sehr zitterte.

Majd klammerte sich ständig an mich. Wenn ich gehen musste, um Essen zu holen oder eine andere Hausarbeit zu erledigen, duckte sie sich jedes Mal unter die Bettdecke, wenn sie eine Explosion hörte.

Wir waren immer nervös. Jedes noch so kleine Geräusch machte uns nervös. Wenn wir hörten, wie jemand Möbel bewegte, dachten wir zuerst, es sei das Geräusch einer Explosion.

Das Mädchen Souzie Eshkuntana verlor ihre Mutter & Geschwister. Sie selbst konnte nach mehreren Stunden aus den Trümmern ihres Elternhauses in Gaza lebend geborgen & in ein Krankenhaus gebracht werden. Sie spricht seit dem nicht mehr.

Ich habe Majd den Ausdruck “Bumm-Bumm” beigebracht, als wir unter Beschuss waren. Ich versuchte, das Geräusch von Raketen herunterzuspielen, indem ich “bumm bumm” sagte — als ob sie nur ein Feuerwerk wären. Es dauerte 6 Tage, bis sie in irgendeiner Weise beruhigt war. Dann sagte sie “bumm bumm” & lächelte, wenn sie eine Explosion hörte — vorausgesetzt, sie war nicht zu laut oder zu nah an uns.

Ich hasste die Nacht während des Angriffs. Weder mein Mann noch ich konnten schlafen. Majd wurde oft durch den Lärm der israelischen Luftangriffe geweckt. Wir warteten bis nach der Morgendämmerung, bevor wir uns schlafen legten, obwohl es auch nach der Morgendämmerung viele Luftangriffe gab.

Meine Tochter sollte spielen & Spaß haben, wie Kinder überall auf der Welt. Zu ihrem ersten Geburtstag hat sie von ihrem Vater einen Fußball geschenkt bekommen. Ihr Name wurde darauf gedruckt, neben der Nummer 10 — die Nummer auf den Trikots von Lionel Messi & Diego Maradona. Sie hat den Ball während des israelischen Angriffs nicht ein einziges Mal gekickt.

Meine Geschichte ist nicht einzigartig. Jede Mutter in Gaza hat Angst gehabt.”

“Man braucht ein Leben lang, um ein Haus zu bauen, und wenn man in Gaza lebt, wird es zweimal von Bomben zerstört” — Er hat sein Haus in Israels Krieg gegen Gaza 2014 sowie jetzt, 2021, verloren.

Über die Grenzen hinaus

Wer heute 13 Jahre alt ist, hat schon 3 Kriege gegen Gaza erlebt — & vor allem überlebt. Diesen Mai kam der 4. Krieg gegen Gaza. Die durch die Blockade verursachten harschen Lebensbedingungen in Gaza sowie die wöchentlichen Übergriffe durch israelisches Militär, auch das geht an den Menschen, vor allem den Kindern, nicht spurlos vorbei. Eine norwegische Hilfsorganisation hilft hier, ihre Traumata zu bewältigen — & trauert nun um 11 ihrer Schützlinge, denen sie helfen wollte, zurück ins Leben zu finden. Der Norwegische Flüchtlingsrat bestätigte diese Woche, dass 11 von über 60 Kindern, die in der letzten Woche durch israelische Luftangriffe auf den Gazastreifen getötet wurden, an seinem psychosozialen Programm teilnahmen, das ihnen helfen sollte, ihr Trauma zu verarbeiten.

Alle Kinder zwischen 5 & 15 Jahren wurden in ihren Häusern in dicht besiedelten Gebieten getötet, zusammen mit unzähligen anderen Angehörigen, die starben oder verletzt wurden.

Von links nach rechts: Rula Mohammad Al Kolak, 5, Tala Ayman Abu Al Auf, 13, Yara Mohammad Al Kolak, 9, die durch israelische Luftangriffe am Sonntag, den 16. Mai, gegen 1:00 Uhr morgens in der Al Wahda Straße (Rimal-Viertel) im Zentrum von Gaza-Stadt getötet wurden, zusammen mit mehreren anderen Kindern, die vom NRC traumatisch versorgt wurden.

Zu den Kindern, denen das NRC geholfen hat, gehört Lina Iyad Sharir, 15, die am 11. Mai zusammen mit ihren beiden Eltern in ihrem Haus im Stadtteil Al Manara in Gaza-Stadt getötet wurde. Ihre 2-jährige Schwester Mina erlitt Verbrennungen dritten Grades & befindet sich weiterhin in einem kritischen Zustand.

Hala Hussein al-Rifi, 13, wurde in der Nacht des 12. Mai getötet, als ein Luftangriff das Wohnhaus Salha im Viertel Tal Al Hawa in Gaza-Stadt traf. Der Angriff tötete auch den 4-jährigen Zaid Mohammad Telbani & seine Mutter Rima, die im 5. Monat schwanger war. Zaids Schwester wird weiterhin vermisst & ist vermutlich tot.

Palästinenser*innen betrachten eine nicht explodierte Bombe, die am 18. Mai von einem israelischen F-16-Kampfflugzeug über dem Stadtteil Al Rimal in Gaza-Stadt abgeworfen wurde. Foto: Ashraf Amra/APA Bilder

Bei mehreren Luftangriffen am 16. Mai in der Al-Wahda-Straße im Zentrum von Gaza-Stadt wurden 8 Kinder, mit denen NRC arbeitete, sowie mehrere Familienmitglieder getötet. Darunter waren Tala Ayman Abu Al Auf (13) & ihr 17-jähriger Bruder. Ihr Vater, Dr. Ayman Abu Al Auf, war Leiter der Inneren Medizin im Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt. Er wurde ebenfalls getötet.

Die gleichen Angriffe töteten auch Rula Mohammad al-Kawlak (5), Yara (9), & Hala (12) — alle Schwestern — zusammen mit ihrer Cousine Hana (14), & mehreren anderen ihrer Verwandten, sowie die Schwestern Dima & Mira Rami Al Ifranji, 15 & 11, & die Nachbarin Dana Riad Hasan Ishkantna (9).

In der gleichen Gegend wurde am 17. Mai Rafeef Murshed Abu Dayer (10), eine weitere vom NRC unterstützte Schülerin, getötet, nachdem Schrapnell sie zusammen mit ihren beiden Brüdern getroffen hatte, die im Garten des Ghazi Shawa Gebäudes zu Mittag aßen. Rafeefs 11. Geburtstag wäre nächste Woche am 25. Mai gewesen.

Das NRC unterstützt 118 Schulen im Gazastreifen & erreicht mit seiner psycho-sozialen Intervention, dem Better Learning Programme, mehr als 75.000 Schüler*innen.

Der heutige Beitrag basiert u.a. auf folgenden Artikeln:

Nachrichten aus & über Palästina. Nachrichten aus & über Palästina. Twitter: @occupiednews1 — Insta: @occupiednews — Telegram: https://t.me/occupiednews

Nachrichten aus & über Palästina. Nachrichten aus & über Palästina. Twitter: @occupiednews1 — Insta: @occupiednews — Telegram: https://t.me/occupiednews