Ein Kind verliert sein Auge, eins beerdigt den Vater & 4 sind nun obdachlos— Weekly Summary, 10.04.2021

Ein 13-jähriges Kind verliert beim Einkaufsbummel das rechte Auge, als Soldaten ihm in den Kopf schießen. Ein kleines Mädchen weint, weil der Vater auf dem Nachhauseweg erschossen wird.Im Viertel Silwan stellen die Menschen morgens plötzlich fest, dass über Nacht Siedler die Nachbarhäuser besetzt haben. Dafür erkämpfen sich erfolgreich die Bewohner*innen zweier Dörfer ihr Land zurück, das Siedler zuvor stahlen. Ein Gefangener wird entlassen & erkennt nach Folter & 17 Jahren Isolationshaft seine Familie nicht mehr. Das & über 207 weitere Menschenrechtsverletzungen — was in der Woche vom 01.04. — 09.04.2021 im historischen Palästina geschah

Diesem Blog kann man bequem mit dem Handy per Telegram-App folgen: https://t.me/occupiednews

Getötet: Der Palästinenser Osama Mansour (42) wurde am Dienstagmorgen auf dem Nachhauseweg an einem Militärcheckpoint von israelischen Soldat*innen ermordet, nachdem diese seinen Wagen anhielten. Seine Frau Sumaya erlitt Schusswunden, nachdem sie in ihrem Auto angeschossen wurde. “Mein Mann fiel auf meinen Schoß, dann starb er. Er fragte noch, bist du verletzt? und dann sagte er nichts mehr.”

Die Beerdigung Osama Mansours (42) in seinem Heimatdorf, dem besetzten Biddu. Westjordanland, 06.04.2021

Die Besatzungsarmee behauptet, er habe versucht, sie an einem Kontrollpunkt im besetzten Westjordanland zu rammen — eine Darstellung, die von seiner Frau, die mit ihm im Auto saß, bestritten wird. Kein Soldat wurde verletzt. “Wir waren auf dem Weg nach Hause …[…] Soldat*innen stoppten uns, wir hielten an, schalteten den Wagen aus […] dann sagten sie, wir sollen umkehren. Das wollten wir, dann schossen sie”.

Die Tochter Osama Mansours. “Wo ist Papa, ich will Papa zurück”. Besetztes Biddu, Westjordanland, 06.04.2021

Die unkontrollierte Gewalt der israelischen Streitkräfte gegenüber Palästinenser*innen, die lediglich versuchen, sich von Ort zu Ort auf ihrem eigenen Land zu bewegen, ist eine traurige Kontinuität der Besatzung.

Israel hat seit Beginn dieses Jahres 18 Palästinenser getötet, darunter 2 Gefangene & einen Palästinenser mit besonderen Bedürfnissen.

Besatzungsgewalt im Westjordanland: Dem 13-jährige Kind Izziddin Al Batsh wurde am heutigen Freitag von einem israelischen Scharfschützen im im besetzten Al Khalil (Hebron) mit einer gummibeschichteten Metallkugel ins Auge geschossen. Wie die Ärzte mitteilten, hat das Kind durch den israelischen “Volltreffer” sofort sein Auge verloren. Sein Vater sagte (in Übereinstimmung mit dem Bildmaterial von Überwachungskameras), dass das Kind angeschossen wurde, als es in einem Geschäft im Stadtzentrum war.

177 Mal fiel die israelische Besatzungsarmee gewaltsam in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich Jerusalem, ein. Dabei wurden willkürlich 67 palästinensische Zivilisten verhaftet, darunter 3 Kinder, 1 Frau sowie der Journalist Khaled Mohammed Mutair (29). Die meisten Zivilisten wurden bei willkürlichen nächtlichen Razzien pal. Familienhäuser durch die isr. Armee verhaftet. Diese Razzien sind durch exzessive Gewaltanwendung, Verwüstung, Waffeneinsatz, Angriffe auf & Misshandlungen von Zivilisten durch die Soldat*innen gekennzeichnet. Es handelt sich um eine jahrzehntelange Praxis der Besatzung.

Einer der Überfälle der Armee ereignete sich am Freitag, den 02.04.2021, wobei die Besatzung in das Flüchtlingslager Askar, nahe des besetzten Nablus, einrückte. Währenddessen versammelte sich eine Gruppe palästinensischer Männer & warf Steine auf die Fahrzeuge der Armee, um sie zu verjagen. Die Armee feuerte sofort mit scharfer Munition & Tränengaskanistern auf sie. Es kam zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern & israelischen Soldat*innen, die bis in den Morgen andauerten. Allein 5 Zivilisten wurden durch scharfe Munition in Brust, Bauch & Bein verletzt, zahlreiche weitere erlitten Verletzungen & Atemnot durch Tränengas.

Zahlreiche Palästinenser*innen wurden verletzt, als isr. Soldat*innen in der Nacht zum 08.04.2021 das besetzte Jericho stürmen.

Ebenso wurde jede Form von Protest im Westjordanland gegen Besatzung, Landraub, Siedlungsbau & Vertreibung mit massiver Gewalt der isr. Armee beantwortet. Dadurch wurden zahlreiche pal. Zivilisten verletzt, darunter 2 Journalisten: Abdullah Saleem Shtawi (26), ein Fotojournalist der isr. Menschenrechtsorganisation B’Tselem & Bashar Mohammed Nazal (30), ein Journalist von Palestine TV. Beide wurden durch Gummigeschosse verletzt.

Gefangene der Besatzung: Diese Woche wurde Mansour Shahateet nach 17 Jahren in Isolationshaft aus dem Besatzungsgefängnis entlassen & kehrte in sein Elternhaus im besetzten Dura zurück. Durch die Isolationshaft hat er in weiten Teilen Gedächtnis verloren. Bei seiner Entlassung erkannte er seine Eltern, seine Familie und seine Freunde nicht mehr. Er leidet zudem nun unter Kurzatmigkeit & nach mehreren Folterungen durch isr. Beamte unter Tachykardie. Folter von pal. Gefangenen ist in Israel legal [1,2]. Ihm wurde vorgeworfen, im Jahr 2004 einen Siedler erstochen zu haben. In einem kurzen Interview nach seiner Entlassung sagte er: “17 Jahre war ich im Gefängnis, die meiste Zeit davon in völliger Isolation. Sie haben mich öfters geschlagen, als ich mich erinnern kann. Aber ich habe das alles für eine hohe Sache erlitten. All das war, um mein Volk & meine unterdrückten Brüder &Schwestern zu verteidigen […] Ich werde mein Bestes tun, um wieder gesund zu werden, um meinem Volk weiterhin zu helfen.”

Mansour Shahateet nach 17 Jahren in Isolationshaft am Tag seiner Entlassung, 08.04.2021.

Hasan Mohammed Wardian (62), Kandidat für die Wahlen zum Legislativrat in Bethlehem, wurde diese Woche nachts um 3:00Uhr bei einer Razzia von isr. Soldat*innen verhaftet, 2 weitere wurden vorgeladen. Außerdem verhafteten israelische Streitkräfte Ghada Abu Rabi’, eine Parlamentskandidatin der Fatah, im besetzten Jerusalem. Auch der Leiter des Fatah-Büros in Jerusalem, Adel Abu Izneid, wurde verhaftet & eine Veranstaltung in Sheikh Jarrar, einem Viertel im besetzten Jerusalem, bzgl. der anstehenden Wahlen in den besetzten pal. Gebieten wurde von der Besatzung verboten. Der pal. Ministerpräsident Mohammad Shtayyeh forderte diese Woche die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, Druck auf Israel auszuüben, damit die bevorstehenden pal. Wahlen abgehalten werden können.

Allein im letzten Monat wurden 438 pal. Zivilisten verhaftet, darunter 69 Minderjährige/Kinder & 11 Frauen. 105 Personen befanden sich im März 2021 in Administrativhaft — das heißt Willkürhaft ohne Nennung von Gründen oder Beweisen & ohne Gerichtsverfahren oder Anklage. Dabei waren 28 Administrativhaften neu & 75 verlängert (sie ist beliebig oft verlängerbar). Sie wird nur gegen Palästinenser*innen von der Besatzung verhängt. Unter diesen Häftlingen ist der Palästinenser Imad Batran (47). Er beendete diese Woche seinen 47 Tage dauernden Hungerstreik, nachdem die Besatzungsbehörden seine Freilassung für diesem Juli akzeptiert hatten. Schon im Jahr 2013 war er willkürlich inhaftiert worden & hatte einen 103 Tage lang währenden Hungerstreik durchgeführt — & überlebt. Er leidet bis heute unter den gesundheitlichen Folgen seines letzten Hungerstreiks.

[1] http://blog.omct.org/its-now-even-more-official-torture-is-legal-in-israel/
[2]
http://www.addameer.org/news/addameer-collects-hard-evidence-torture-and-ill-treatment-committed-against-palestinian

Freiluftgefängnis Gaza: Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 14. Jahr in Folge an, ohne jegliche Verbesserung des Personen- & Warenverkehrs, der humanitären Bedingungen & mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit.

Auch diese Woche attackierte isr. Militär pal. Zivilisten im Gazastreifen. 4 Mal wurde auf Bauern, die ihre Felder bewirtschafteten, geschossen, woraufhin sie fliehen mussten. 7 weitere Schüsse fielen gegen pal. Fischerboote. Durch die wöchentlichen Angriffe ist die Fischereiindustrie im Gazastreifen dramatisch um über 50% eingebrochen.

Der palästinensische Friseur Ismail Al Khatib (86) arbeitet seit über 40 Jahren in seinem alten Laden im Firas-Markt, einem der ältesten Märkte in Gaza-Stadt. Fotos: Maryam Abu Daqqa

Systematische Vertreibung aus dem Westjordanland: Die Vertreibung der indigenen pal. Bevölkerung ging auch diese Woche weiter: 2 Häuser wurden auf Anordung der Besatzung abgerissen unter dem Vorwand, es hätten keine Baugnehmigungen vorgelegen. Die Besatzung nimmt keinen Ausbau von Wohnraum für Palästinenser*innen vor & Baugenehmigungen werden für Palästinenser*innen fast nie ausgestellt. Der Abriss von pal. Wohneigentum wird seit Jahren von der UN massiv kritisiert & als Methode zur Vertreibung bezeichnet. Da die Besatzung den Abriss den betroffenen Familien auch noch in Rechnung stellt, riss Amer Shqeirat diese Woche sein Haus schweren Herzens selber ab. Er, seine Frau & die 4 Kinder sind nun obdachlos.

Amer Shuqairat, ein Palästinenser aus dem Viertel Jabal Al Mukabbir im besetzten Jerusalem, & seine Kinder inspizieren die Trümmer ihres Hauses, das auf Anordnung der Besatzung abgerissen wurde. 04.04.2021

Am Sonntagmorgen, den 04.04.2021, ebneten Bulldozer der israelischen Zivilverwaltung in Begleitung der Besatzungsarmee Grundstücke im besetzten Dorf Al Issawiya, nahe des besetzten Jerusalem, ein, um eine illegale Siedlungsstraße zu bauen, die dazu beitragen soll, das nördliche Westjordanland vom östlichen Westjordanland zu isolieren. Die Grundstücke der Familien Mustafa & Abu Riyala wurden gestürmt & das frisch mit Pflanzen & Setzlingen bepflanzte Land planiert zu Gunsten illegaler Siedler & ihrer Aktivitäten.

Palästinenser im Jerusalemer Stadtteil Silwan wachten gestern morgen auf, um festzustellen, dass israelische Siedler sprichwörtlich über Nacht ihre neuen Nachbarn wurden: Sie besetzten in der Nacht zuvor mit Hilfe israelischer Polizei 3 pal. Häuser des Viertels Silwan, die illegaler Weise an zionistische Siedlerorganisationen übertragen wurden. Nach Angaben des Wadi Hilweh Information Center brachen die Siedler in die 3 zu diesem Zeitpunkt noch unbewohnten, für ohnehin unter Wohnungsnot leidende Palästinenser erbauten Gebäude & das dazugehörige Grundstück ein & richteten zwei Fertigteilzimmer sowie eine Treppe ein, als sie ein Loch in der Wand zu einem der Gebäude öffneten.

Am 08.04.2021 stellen zahlreiche Palästinenser*innen in Silwan fest, dass Siedler 3 Häuser in der Nachbarschaft illegaler Weise übernommen haben. Über ihnen weht nun die isr. Flagge — zahlreiche weitere Familie sind von Vertreibung durch die Siedler bedroht.

Laut dem Wadi Hilweh Information Center haben Siedler seit 2014 bisher 12 Gebäude im Herzen von Silwan übernommen, die sich in pal. Besitz befinden. In Batn Al Hawa, ebenfalls in Silwan, sind aktuell 7 pal. Familien von der Zwangsräumung ihrer Häuser bedroht — sie sind Teil von 87 Familien, die für die Zwangsräumung ihrer Häuser in der Nachbarschaft vorgesehen sind. Ein israelisches Gericht hatte zuvor die Petition der Bewohner des Viertels abgelehnt & der Siedlerorganisation “Ateret Cohanim” erlaubt, ihre Absichten fortzusetzen, die die sofortige Vertreibung der 7 pal. Familien betreffen.

Hunderten von palästinensischen Familien drohen die Räumung & der Abriss ihrer Häuser durch illegale Siedlergruppen, die von der israelischen Regierung voll unterstützt werden. Es gibt fast 700.000 israelische Siedler, die in 256 illegalen Siedlungen & Außenposten leben, die über das besetzte Westjordanland, einschließlich Jerusalem, verstreut sind. Die israelischen Siedlungen sind nach internationalem Recht illegal & stellen ein Kriegsverbrechen dar, nicht zuletzt wegen ihrer Schlüsselrolle, die ihnen bei der Vertreibung & Besatzung zukommt.

Im besetzten Jayyous hat diese Woche die Zitronenernte begonnen. Photos: Yahya Nofal

Bauern aus dem Dorf Deir Jarir im Osten Ramallahs gelang es am Dienstag, 40.000 m² ihres Landes zurückzugewinnen, das von israelischen Siedlern gestohlen wurde. Es ist das Ergebnis kontinuierlicher Bemühungen der Dorfgemeinschaft, die dazu führten, dass das Gebiet geräumt wurde & die Eigentümer*innen des Landes es nun wieder betreten können. Der Vorsitzende des Dorfrates, Ayman Alawi, sagte, dies sei ein Sieg der Dorfbewohner gegen die Besatzung & die Siedler. Er fügte hinzu, dass 60 Familien von dem zurückgewonnenen Land profitieren. Die Bewohner*innen des Dorfes hatten wöchentliche Proteste organisiert, um das Land zurückzugewinnen. Auch im besetzten Dorf Teqoa vertrieben Palästinenser*innen erfolgreich illegale Sielder: Sie bauten einfach die Zelte ab, die von israelischen Siedlern kurz zuvor auf pal. Grundstücken errichtet worden waren .

Sielder in Teqoa müssen abziehen, nachdem Palästinenser*innen schnell ihre Zelte entfernten. Besetztes Westjordanland, 05.04.2021

Siedlergewalt: Auch diese Woche kam es zu zahlreichen Angriffen von Siedlern auf pal. Bauern & Farmen, vor allem im besetzten Nablus, Al Khalil (Hebron) & Ramallah. Dutzende von extremistischen israelischen Siedlern unter stürmten unter Armeeschutz die archäologische Stätte Sebastia in der Nähe des besetzten Dorfes Kifl Hares um dort religiöse Rituale als Machtdemonstration durchzuführen.

Palästinenser*innen in Israel: Am vergangenen Sonntag, den 04.04.2021, zerstörte Israel das bewohnte Haus eines Palästinensers mit isr. Staatsangehörigkeit in Lyd (auch Lod genannt). Es gibt in Israel Gesetze, die darauf abzielen, ausschließlich Häuser in den arabischen Städten & Dörfern innerhalb Israels zu zerstören. Die Regierung behauptet, dass das wichtigste Gesetz hierzu derzeit ausgesetzt ist, bis ein Gericht darüber neu entschieden hat, aber die Zerstörung von arabisch-palästinensischem Wohneigentum innerhalb Israels geht nach wie vor weiter.

Ein Farmer in Nablus muss medizinisch behandelt werden, nachdem er & weitere von Siedlern im besetzten Nabi Saleh angegriffen wurden. 05.04.2021

Keine Bewegungsfreiheit auf eigenem Land: Die Besatzung errichtete 88 neue temporäre Militärcheckpoints im Westjordanland & verhaftete 9 palästinensische Zivilisten an diesen Kontrollpunkten. Insgesamt gibt es 705 permanente Militärcheckpoints. Sie alle schränken massiv die Bewegungsfreiheit von Palästinenser*innen ein. Israelis, einschließlich Siedler, sind hiervon nicht betroffen, u.a. haben sie dafür eigene Straßen, die nur sie benutzen dürfen.

Get the Medium app

A button that says 'Download on the App Store', and if clicked it will lead you to the iOS App store
A button that says 'Get it on, Google Play', and if clicked it will lead you to the Google Play store