Einziges Kampfmittel: Der leere Magen & die eigene Gesundheit — Weekly Summary, 09.10.2021

6 Palästinenser hungern für ihre Freiheit, davon 2 seit über 80 Tagen. Sie hoffen so, endlich aus ihrer Willkürhaft entlassen zu werden — ihr Gesundheitszustand ist lebensbedrohlich. Mehrere palästinensische Familien sind nun obdachlos, nachdem sie ihre Häuser auf Befehl der Besatzung abreißen mussten. Der Oberste Israelische Gerichtshof bekräftigt diese Woche erneut die Apartheid im Westjordanland — sowohl was Polizeirazzien als auch völkerrechtswidrige Vertreibung angeht. Trotz Waffenruhe: In Gaza geraten Fischer & Farmer erneut unter Beschuss israelischer Soldat:innen. Das & mehr: Was in der Woche vom 30.09. — 09.10.2021 im historischen Palästina passierte

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Westjordanland

Alltag: Zwischen dem 30.09. und 06.10.2021 fiel die israelische Besatzungsarmee 126 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat*innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Während der Übergriffe in dieser Woche wurden 79 Palästinenser:innen verhaftet, darunter 14 Kinder, 2 Journalisten & 2 Frauen.

So verhaftete die Besatzung in der Nacht zu Dienstag um 02:00 Uhr den freiberuflichen Journalisten Sameh Awad Manasra (36), nachdem sie sein Haus in Tulkarm gestürmt, durchsucht & die Einrichtung beschädigt hatte. Islam Masnasra, Samehs Bruder, berichtet:

“Gegen 02:00 Uhr stürmte die israelische Armee unser Haus & begann, die Möbel & den Hausrat zu beschädigen, ohne uns mitzuteilen, was sie wollen […] In der Zwischenzeit forderten sie mich auf, meinen Ausweis mitzubringen, aber als ich ihnen sagte, dass ich ihn vor einigen Tagen verloren hatte, wurden sie noch wütender & begannen aus Rache, den Hausrat zu demolieren. Später fragte der israelische Offizier meinen Vater nach seinen Söhnen. Mein Vater antwortete, dass er 5 Söhne habe & ich der einzige sei, der bei ihnen lebe, während Sameh im ersten Stock wohne. Sofort nahmen sie meinen Vater mit & liefen im Laufschritt zu Samehs Wohnung in der Etage über uns, mein Vater klopfte 7 Minuten lang an Samehs Tür, aber er öffnete nicht, also wollten die Soldaten die Tür in die Luft sprengen, aber Sameh wachte doch noch auf & öffnete die Tür zur rechten Zeit, also verhafteten sie Sameh & zogen sich zurück.”

Viele dieser Übergriffe der Besatzer stießen auf Widerstand der Bevölkerung, meist nur durch Steine & Feuerwerkskörper der Bewohner:innen, in einigen Fällen mit Molotow-Cocktails.

Der Oberste Gerichtshof Israels bestätigte diese Woche, dass nur palästinensische Wohnungen im Westjordanland von den israelischen Behörden ohne Durchsuchungsbefehl betreten werden dürfen — die Behörden benötigen nur dann einen richterlichen Beschluss, wenn sie eine jüdische Wohnung betreten wollen.

Jede Form von Protest gegen die völkerrechtswidrige Besatzung, Landraub & Vertreibung wurde von der Besatzung mit massiver Gewalt beantwortet, es kam zu zahlreichen Verletzten.

Systematische Vertreibung: Am Freitag, den 01. Oktober, musste der Palästinenenser Mohammed Ya’qoub Yaghmour einen Teil seines Familienhauses im Stadtteil Al Thawri im besetzten Jerusalem auf Beschluss der israelischen Besatzung unter dem Vorwand, keine Baugenehmigung zu haben, selbst abreißen. Mohammed berichtet, seine Familie habe vor 16 Jahren ein zweites Stockwerk auf das 1967 erbaute Haus seines Großvaters gebaut. Das alte Haus mit 40m² war sehr klein & verfügte nur über 2 Zimmer & eine Küche verfügte, während der hinzugefügte Teil ein Zimmer & ein Wohnzimmer umfasste. Die israelische Besatzung habe die Familie 8 Jahre lang verfolgt & ihr zwei Geldstrafen für den Anbau auferlegt, eine in Höhe von 2.600 Euro die andere in Höhe von 4.300 Euro. Das israelische Besatzungsgericht hat nun eine endgültige Entscheidung zum Abriss des angebauten Teils erlassen, die ihn dazu zwingt, ihn selbst abzureißen, da er befürchtet, mit Tausenden von Schekeln für die Abrisskosten bestraft zu werden.

3 weitere palästinensische Familien in Jerusalem wurden gezwungen, ihre Familienhäuser vollständig abzureißen, unter anderem im Viertel Silwan, das bei Siedlern begehrt ist. Betroffen ist diese Woche u.a. Al Rajabi. Er hat sein 50m² Haus erst vor kurzem im Viertel Beit Hanina fertiggestellt, um dort mit seiner Frau & 8 Kindern zu leben. Auch er riss aus Angst vor horrenden Geldsummen ab, die oft den finanziellen Ruin der betroffenen Familien bedeuten würden. Die Familie wird nun in einem Zelt neben den Trümmern ihres Hauses schlafen.

Auch im besetzten Nablus wurden 6 Abrissbescheide an palästinensische Familien ausgestellt. Außerdem sollen in Yatta 4 Wasserbrunnen abgerissen werden.

Baugenehmigungen verweigert die Besatzung Palästinenser:innen in nahezu allen Fällen, während sie gleichzeitig illegale Siedlungen für ausschließlich jüdische Israelis errichtet & nicht in arabische Infrastruktur investiert. Gleichzeitig werden zahlreiche palästinensische Wohnhäuser & Geschäfte zerstört & die Menschen so nicht nur entschädigungslos obdachlos gemacht, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt. Die UN spricht in diesem Zusammenhang von Kriegsverbrechen.

Der israelische Oberste Gerichtshof hat 4 palästinensischen Familien im besetzten & von Zwangsvertreibung betroffenen Jerusalemer Stadtteil Sheikh Jarrah einen Kompromiss vorgelegt, der es ihnen ermöglichen würde, 15 Jahre lang als “Mieter” in ihren Häusern zu bleiben, während das jüdische Unternehmen Nahalat Shimon Eigentümer des Grundstücks wäre. Das Urteil wird von den Bewohner*innen als blanker Hohn empfunden, das Vorgehen der israelischen Behörden ist zu dem vollkommen völkerrechtswidrig. Seit Monaten versuchen israelische Soldat:innen, Polizist:innen & Siedler mit brachialer Gewalt die Einheimischen aus Sheikh Jarrah zu vertreiben. Mehr Hintergrundinfos zu Sheikh Jarrah finden sich hier:

Keine Bewegungsfreiheit auf eigenem Land: In der Zwischenzeit teilt die israelische Besatzung das Westjordanland weiterhin in getrennte Zonen auf, deren Verbindungsstraßen von der Besatzung seit dem Jahr 2000 blockiert werden & mit hunderten temporären & permanenten Militärcheckpoints versehen sind. Sie schränken die Bewegungsfreiheit von ausschließlich palästinensischen Zivilist:innen — nicht israelischen, sie haben eigene Straßen & werden nicht angehalten — massiv ein, außerdem können sie hier willkürlich verhaftet werden. Neben den 108 permanenten Militärcheckpoints errichtete die Besatzungsarmee diese Woche 36 neue temporäre Militärcheckpoints.

Siedlerangriffe: Auch diese Woche kam es erneut zu Angriffen auf Palästinenser:innen, ihre Felder & Eigentum durch jüdisch-israelische Siedler.

Bspw. haben mehr als 20 Siedler am Freitag Hirten im Dorf Dhahireyya im Süden Al Khalils (Hebron) angegriffen, verletzt & einen von ihnen verwundet & einen weiteren entführt. Örtlichen Quellen zufolge griff die israelische Armee ein & verschleppte den Hirten Samer Khudeirat (40), als er sich während des Angriffs der Siedler verteidigte. Das Dorf ist seit langem Ziel von Angriffen israelischer Siedler, die ihre Angriffe in der Regel unter dem Schutz der israelischen Armee durchführen. Die Siedler hatten Häuser des Dorfes angegriffen, Bäume entwurzelt & jüdische religiöse Einrichtungen auf dem Land des Dorfes errichtet.

Am Samstag beschädigten Siedler Autos von Palästinenser:innen im Dorf Beit Exa nördlich von Jerusalem. Sie stammen aus der Siedlung Har Shmuel, die auf dem Land des Dorfes errichtet wurde. Dies ist nicht das erste Mal, dass israelische Siedler Fahrzeuge von Einwohner:innen des Dorfes angreifen. Bereits vor einigen Monaten hatten Siedler Autos angezündet.

Politische Gefangene

6 palästinensische Gefangene befinden sich aktuell im Hungerstreik gegen ihre willkürliche Verhaftung. Kayed Fasfous hungert seit nun 88 Tagen für seine Freiheit, Muqdad Qawasmi seit 81 Tagen, Alaa Al Araj (Stand 09.10.). Sie befinden sich aktuell in Administrativhaft, also Willkürhaft ohne Nennung von Gründen, Beweisen oder Vorlage einer Anklage oder gar Gerichtsurteil. Sie ist beliebig oft verlängerbar, manche müssen Jahre hinter Gittern verbringen, ohne jemals verurteilt worden zu sein. Fasfous’ & Qawasmis Gesundheitszustand ist mittlerweile lebensbedrohlich, sie haben massiv Gewicht verloren, leiden unter ständigen Schmerzen & Ohnmachtsanfällen. Muqdad erwägt, auch auf Wasser während seines aktuellen Hungerstreikes zu verzichten, um seiner Forderung nach Freiheit Nachdruck zu verleihen.

Der Palästinenser Ayman Shweiki (61) aus dem besetzten Jerusalem wurde seit Mai von Israel ebenfalls in Administrativhaft festgehalten. Er hat vorletzter Woche seine Insulinspritzen abgesetzte, um gegen seine Verwaltungshaft zu protestieren.

Der Hungerstreiker Muqdad Al Qawasmi erhält im Krankenhaus Besuch von seinen Eltern. Besetztes Westjordanland, 09.10.2021

Freiluft Gefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird.

Trotz im Mai 2021 verkündeter Waffenruhe: Die wöchentliche Angriffe auf Gazas Fischer blieben auch diese Woche nicht aus. Drei Mal eröffneten Kanonenboote der israelischen Marine das Feuer auf Gazas Fischer. Die Fischer mussten zurück an die Küste fliehen & konnten folglich ihrer Arbeit nicht nachgehen. Es handelt sich um eine jahrelange Praxis Israels. Auch Zivilisten an Land wurden attackiert: Zwei Mal schoss die israelische Armee auf Farmland im Gazastreifen & zwang die Farmer:innen zur Flucht.

Zudem rückte die israelische 2 Mal im Gazastreifen ein. Des Weiteren wurden 2 Palästinenser verhaftet, die versuchten den “Grenz”zaun gen Israel zu überqueren.

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