Mehr Tote als die Woche Tage hat— Weekly Summary, 02.10.2021

Israelische Soldat:innen töten 8 Palästinenser:innen, darunter ein 16-Jähriger & eine 4-fache Mutter. Während des jüdischen feiertages Sukkot verüben Siedler in einem besetzten Dorf das, was Palästinenser:innen & jüdische Aktivist:innen als ein Pogrom bezeichnen — anschließend muss ein 3-Jähriger mit Schädelriss & inneren Blutungen ins Krankenhaus. Allein in den letzten 2 Wochen haben Soldat:innen 55 palästinensische Schüler:innen & Lehrer:innen gezielt in Schulen & auf dem Schulweg mit Tränengas attackiert. In Israel werden Palästinenser:innen mit israelischer Staatsbürgerschaft erneut Opfer von Vertreibung: Ihr Dorf wird zum 193. Mal zerstört. Willkürlich von der Besatzung eingesperrte Palästinenser protestieren gegen ihre Haft: 7 im Hungerstreik, ein weiterer verweigert sein Insulin. Das & vieles mehr: Was in der Woche vom 23. — 30.09.2021 im historischen Palästina passierte:

Diesem Blog kann man bequem mit dem Handy folgen: Telegram: https://t.me/occupiednews, Twitter: @occupiednews1 & Instagram: @occupiednews

Westjordanland

Getötet: Bei einem israelischen Großangriff am Sonntag auf ein besetztes Dorf in der Nähe von Jerusalem, bei dem auch ein Hubschrauber eingesetzt wurde, wurden Ahmad Zahran, Zakarya Badwan & Mahmoud Humeidan, die alle drei aus demselben Dorf stammen, getötet & ihre Leichen einfach verschleppt. Den Angehörigen ist so eine Beerdigung, Verarbeitung des Schocks & ihrer Trauer auf unbestimmte Zeit nicht möglich. Israel hält die Leichen getöteter Palästinenser teilweise mehrere Jahre zurück. Später gab die Widerstandsorganisation Hamas bekannt, dass die drei Mitglieder ihres bewaffneten Flügels waren. Bei dem Anschlag wurde keiner der eindringenden Besatzungssoldat:innen verletzt.

Nahe des besetzten Jenin, in Burqin, fand ebenfalls am Sonntag ein Einmarsch der Besatzer statt, bei dem es zu schweren Zusammenstößen mit der sich gegen den Einmarsch wehrenden Bevölkerung der Stadt kam. Dabei wurden zwei Palästinenser getötet, darunter der minderjährige Yousef Soboh (16) & sein Verwandter Usama Soboh (22), der Mitglied des bewaffneten Zweigs des palästinensischen Islamischen Dschihad ist; weitere Palästinenser wurden verletzt & festgenommen. Zwei israelische Angreifer (ein Soldat & ein Offizier) wurden ebenfalls schwer verletzt. Die Leiche Yousefs wird der Familie auf unbestimmte Zeit vorenthalten — das Kind kann nicht von seinen Eltern begraben, sein Tod von ihnen nicht verarbietet werden. Usama Soboh wollte im Oktober heiraten. Sein Leichnam wurde noch am selben Tag bestattet. Palästinenser:innen in beiden Städten brachten in großen Demonstrationen ihre Wut gegen die israelische Besatzungsgewalt zum Ausdruck.

Drei weitere Palästinenser:innen wurden in den frühen Morgenstunden des Donnerstag getötet, darunter eine vierfache Mutter. Kein Soldat & kein Siedler wurde verletzt oder kam zu Schaden:

  • In Jerusalem erschossen israelische Polizisten die Palästinenserin Israa’ Khuzeima. Später behaupteten sie, sie habe sich “verdächtig” verhalten & versucht, ein Messer zu ziehen. Die Behörden haben kein Video von der Tötung veröffentlicht. Khuzeima, war 30 Jahre alt, Schriftstellerin, Studentin & Mutter von vier Kindern, das älteste ist erst 10 Jahre alt.
  • Trotz vereinbarter Waffenruhe: Muhammad Ammar (41) wurde im belagerten Gazastreifen von israelischen Soldaten erschossen, die hinter dem “Grenz”zaun stationiert waren, während er Vögel jagte, wie viele Augenzeugen berichteten. Ihm wurde in den Hals geschossen,er war sofort tot. Die Soldat:innen behaupteten, er habe eine “verdächtige” Tasche bei sich gehabt.
  • In Jenin im Norden des besetzten Westjordanlandes wurde ein Mann aus dem Widerstand getötet. Alaa Zayoud (22) wurde getötet, als er sich den eindringenden Besatzungstruppen in seiner Stadt entgegenstellte. Später gab der Palästinensische Islamische Dschihad bekannt, dass er eines seiner Mitglieder ist. Ein Augenzeuge erzählte Journalist:innen, dass er zuerst verletzt wurde, dann haben die Besatzungssoldaten ihn aus “Null-Distanz” erschossen & ihm jede Hilfe untersagt, bis sie ihn für tot hielten. In seinem Körper wurden 4 Kugeln gefunden.

Alltag: Die israelische Besatzungsarmee fiel diese Woche 126 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat*innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Während der Übergriffe in dieser Woche wurden 73 Palästinenser:innen verhaftet, darunter 4 Kinder & 2 Frauen.

Viele dieser Übergriffe der Besatzer stießen auf Widerstand der Bevölkerung, meist nur durch Steine & Feuerwerkskörper der Bewohner:innen, in einigen Fällen mit Molotow-Cocktails.

Jede Form von Protest gegen die völkerrechtswidrige Besatzung, Landraub & Vertreibung wurde von der Besatzung mit massiver Gewalt beantwortet, es kam zu zahlreichen Verletzten. Dennoch gingen auch auch diese Woche die zahlreichen, massiven Proteste & Sit-ins der palästinensischen Bevölkerung weiter.

Allein in den letzten 2 Wochen haben die israelischen Besatzungskräfte über 55 palästinensische Schüler:innen & Lehrer:innen in 6 Schulen mit Tränengas beschossen, so das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA). Die Angriffe der israelischen Streitkräfte auf palästinensische Schüler:innen haben in letzter Zeit zugenommen, & die Angriffe auf Schulen & andere Vorfälle im Zusammenhang mit der Bildung, einschließlich Angriffen auf pädagogisches Personal, Drohungen mit Angriffen, militärischer Nutzung von Schulen & anderen Eingriffen in die Bildung, haben das Recht der palästinensischen Kinder auf Zugang zu Bildung erheblich beeinträchtigt.

Siedlergewalt: Auch diese Woche kam es wieder zu mehreren Angriffen von Siedlern gegen palästinensische Zivilist:innen. Besonders hervorzuheben ist hierbei der 28.09.2021: Am Tag des jüdischen Sukkot-Festes, machte sich eine Gruppe von 80–100 jüdischen Siedlern auf den Weg in das Dorf Al Mufaqara im besetzten Westjordanland. Was sich ereignete, bezeichnen Palästinenser:innen & jüdische Aktivist:innen als ein Pogrom. Siedler beschädigten u.a. Häuser & Autos, stachen Schafe & Ziegen ab, schossen auf die Dorfbewohner:innen. Zahlreiche Palästinenser:innen wurden verletzt, ein 3 Jähriger musste mit Schädelriss & inneren Blutungen ins Krankenhaus. Soldat:innen schützten die Siedler bei ihrem Treiben, feuerten Tränengas & Blendgranaten auf sich verteidigende sowie fliehende Palästinenser:innen — keiner der Attentäter wurde verhaftet, stattdessen verhafteten sie 2 palästinensische Dorfbewohner, Naim Shehadeh Al Hamamda (62) & Suleiman Eid Al Hathaleen (75). Mehr Infos hierzu unter folgendem Link:

Politische Gefangene

7 palästinensische Gefangene befinden sich aktuell im Hungerstreik. Kayed Fasfous hungert seit nun 80 Tagen für seine Freiheit. Er befindet sich aktuell in Administrativhaft, also Willkürhaft ohne Nennung von Gründen, Beweisen oder Vorlage einer Anklage oder gar Gerichtsurteil. Sie ist beliebig oft verlängerbar, manche müssen Jahre hinter Gittern verbringen, ohne jemals verurteilt worden zu sein. Sein Gesundheitszustand ist mittlerweile lebensbedrohlich, er hat weit über 40 kg Gewicht verloren, leidet unter ständigen Schmerzen & Ohnmachtsanfällen.

Der Palästinenser Ayman Shweiki (61) aus dem besetzten Jerusalem wird seit Mai von Israel ebenfalls in Administrativhaft festgehalten. Er hat vor kurzem seine Insulinspritzen abgesetzt, um gegen seine Verwaltungshaft zu protestieren.

Freiluft Gefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird.

Der 85-jährige Hamed Al Hendawi, der älteste Fotograf im Gazastreifen, bewahrt seine Fotoausrüstung & Hunderte von Fotos immer noch in einer alten Tasche auf, die er seit mehr als sechs Jahrzehnten aufbewahrt.

Trotz im Mai 2021 verkündeter Waffenruhe: Die wöchentliche Angriffe auf Gazas Fischer blieben auch diese Woche nicht aus. 3 Mal eröffneten Kanonenboote der israelischen Marine das Feuer auf Gazas Fischer. Sie mussten daraufhin zurück an die Küste fliehen & konnten folglich ihrer Arbeit nicht nachgehen. Auch Zivilisten an Land wurden attackiert: 4 Mal schoss die israelische Armee auf Farmland im Gazastreifen & zwang die Farmer:innen zur Flucht.

Fischer präsentieren ihren Fang, belagerter Gazastreifen, 29.09.2021. Fotos: Osama Kahlout

Israel

Palästinenser:innen mit israelischer Staatsbürgerschaft sind innerhalb Israels ebenfalls regelmäßig Opfer von Vertreibung: Das palästinensische Dorf Al Araqib im Negev wurde diese Woche zum 193. Mal zerstör. Dies geschieht, obwohl Israel eine neue Anordnung erlassen hatte, die dazu führen sollte, die Zerstörung dieser Dörfer für 2 Jahre ausgesetzt wird, bis die Rechtslage geklärt ist. Die Palästinenser*innen im Negev leben seit zahllosen Jahrhunderten als Beduinen & entkamen der Nakba, der gewaltsamen Vertreibung von über 750.000 Palästinenser*innen im Zuge der israelischen Staatsgründung. Obwohl sie israelische Staatsbürgerschaft besitzen, erkennt Israel ihre Jahrhunderte alten Dörfer einfach nicht an & will sie aus dem Negev vertreiben. Die Dorfbewohner:innen errichten ihr Dorf immer wieder neu — sie wollen sich nicht von ihrem Land vertreiben lassen.

Nachrichten aus & über Palästina. Nachrichten aus & über Palästina. Twitter: @occupiednews1 — Insta: @occupiednews — Telegram: https://t.me/occupiednews

Nachrichten aus & über Palästina. Nachrichten aus & über Palästina. Twitter: @occupiednews1 — Insta: @occupiednews — Telegram: https://t.me/occupiednews