Pogrom gegen Palästinenser:innen an jüdischem Feiertag

Am 28.09.2021, am Tag des jüdischen Sukkot-Festes, machte sich eine Gruppe von 80–100 jüdischen Siedlern auf den Weg in das Dorf Al Mufaqara im besetzten Westjordanland. Was sich ereignete, bezeichnen Palästinenser:innen & jüdische Aktivist:innen als ein Pogrom: Siedler beschädigten u.a. Häuser & Autos, stachen Schafe ab, schossen auf die Dorfbewohner:innen. Zahlreiche Palästinenser:innen wurden verletzt, ein 3 Jähriger musste mit Schädelriss & inneren Blutungen ins Krankenhaus. Soldat:innen schützten die Siedler bei ihrem Treiben, feuerten Tränengas & Blendgranaten auf sich verteidigende sowie fliehende Palästinenser:innen — keiner der Attentäter wurde verhaftet, stattdessen nahmen sie 2 palästinensische Dorfbewohner, Naim Shehadeh Al Hamamda (62) & Suleiman Eid Al Hathaleen (75), fest.

Der israelische Journalist Yuval Avraham hat die Ereignisse vor Ort miterlebt & schreibt:

“Ein wahnsinniger Angriff findet gerade auf ein palästinensisches Dorf, genannt Al Mufaqara, in den südlichen Bergen Al Khalils (Hebron) statt. Ungefähr 60 maskierte Männer mit Schlagstöcken. Stöcken, Pistolen, Steine. So etwas gab es hier noch nie. Es ist wie eine kleine Armee. Dutzende Siedler kamen zusammen. Ich schreibe schnell, denn sie sind noch hier, zwischen den Bäumen. Das ist eines der gruseligsten Dinge, die ich je gesehen habe.

Zuerst traf eine Gruppe von 20 maskierten Männern ein & griff einen Hirten an. Sie schnitten vor seinen Augen drei Schafen die Kehle durch. Daraufhin floh er mit seinen beiden kleinen Kindern im Alter von 6 & 7 Jahren. Seine Herde ist noch auf dem Feld, geschlachtet. Das hat Basil Adraa gesehen, sagte er. Ich bin jetzt hier bei ihm. Er hat einige Bilder gemacht. Es gibt auch Videos, wir laden sie hoch, wenn wir können.

80–100 bewaffnete illegale Siedlung verübten ein Pogrom in Al Mufaqara, besetztes Westjordanland, 28.09.2021

Dann schlossen sich ihnen ein paar Dutzend weitere maskierte Männer an, alle mit Schlagstöcken. Die Gruppe drang in das Dorf ein & begann einfach die Familienhäuser mit Steinen zu bewerfen. Sie zerschlugen die Wasserrohre mit Macheten & Messern. Haus für Haus. Die verängstigten Familien flohen aus den Häusern ins Tal (Wadi). Es ist ein verrücktes Bild, schwer zu beschreiben: Es gibt kein Auto im Hinterhof, das sie nicht komplett zertrümmert haben.

Dann gingen die Siedler in die Häuser. Ins Wohnzimmer, in die Küche. Begannen von innen heraus zu zerstören, mit Schlagstöcken & Hämmern. Nicht wenige Anwohner:innen wurden verletzt. Einer wurde am Kopf getroffen. Ein anderer im Bauch. Ein Stein traf den Kopf des 3-jährigen Jungen Muhammad, der in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Er hat einen Riss im Schädel, innere Blutungen & morgen wird er wahrscheinlich operiert werden. Auf dem Boden seines Hauses blieb ein Blutfleck zurück. Er war zu Hause, als die maskierten Männer mit großen Steinen angriffen. Sein Großvater ist hier bei uns, vor Angst gepackt, ebenfalls verletzt.

Die Zerstörungswut hinterließ auch zahlreiche Verletzte, darunter ein 3-jähriges Kind, Mohammad Bakr Hussein, das mit schweren Schädelverletzungen ins Krankenhaus musste. Al Mufaqara, Besetztes Westjordanland, 28.09.2021

Soldat:innen standen die ganze Zeit hinter den Angreifern & hielten sie nicht auf. Sie feuerten unbeschreibliche Mengen Tränengas & Gummigeschossen auf die Palästinenser:innen ab. In solchen Fällen bieten Soldat:innen im Großen & Ganzen fast immer den Rückhalt für Siedler. Es ist einfach: Wenn Palästinenser:innen sich verteidigen, sich den Angreifern stellen, mit Steinen auf die maskierten Männer werfen, die in ihr Dorf eingedrungen sind, schießen die Soldat:innen auf sie. So wurde vor einigen Monaten ein Mann aus Kosra, Muhammad Hassan, ermordet. Bei einem ähnlichen Angriff von Siedlern in der Gegend von Nablus, die mit Hämmern in sein Haus eindrangen.

Jetzt höre ich den Lärm kaum noch. Das Tränengas tötet einem die Kehle & die Schüsse der Soldat:innen sind erschreckend. Und während dies alles passiert, pfeifen die Steine der maskierten Männer über deinen Kopf. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, außer zu schreien “nicht schießen”.
Etliche Menschen wurden verletzt, einige befinden sich noch in Behandlung. Es gab so viele maskierte Männer, die es wirklich schafften, Autos hochzunehmen & sie dann umzudrehen, sie rollten dann das Wadi hinunter. Ein Siedler feuerte mit seiner Waffe auf einen Palästinenser, einen Bewohner des Dorfes, der bei sich zu Hause war. Er hat ihn nicht getroffen. Die Kugeln liegen noch auf dem Boden. Entschuldigung, ich schreibe abgelenkt…

Durch die Siedler zerstörte Autos in Al Mufaqara, besetztes Westjordanland, 28.09.2021

Die Medien sind blind für die Entwicklung hier im Westjordanland. Allein in diesem Gebiet des südlichen Hebron-Gebirges wurden im vergangenen Jahr 7 neue Siedlungsaußenposten errichtet. Die sogenannte “Hirtenfarm”. Es ist ein Netzwerk von wahnsinnig gewalttätigen Außenposten im gesamten Westjordanland. Etwa 40 davon wurden in den letzten 5 Jahren gegründet. Die Farmen erhalten vom Staat [Israel] große Grundstücke, die von Palästinenser:innen enteignet wurden, & die Israelis dort wenden einfach Gewalt an, vorsätzlich, stolz. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk von mehreren hundert Siedlern, die die Farmen betreiben, von denen viele freiwillig von Farm zu Farm ziehen. Und sie brechen Hände, stechen auf Tiere, alles damit die Palästinenser:innen das Land verlassen. Ich habe dieses Jahr Dutzende solcher Fälle gesehen. Sie haben WhatsApp-Gruppen, sie sind sehr organisiert […]

Angriffe auf palästinensische Zivilisten durch Siedler & Soldat:innen in Al Mufaqara, besetztes Westjordanland, 28.09.2021

Und das ist kein Haufen Extremisten. Nein. Dies ist der Staat [Israel], die offizielle Politik, für die Benni Gantz verantwortlich ist […] Und hier ist der Feiertag Sukkot, an dem sich 80 Menschen versammelten, aus den Farmen & Außenposten kamen — & einfach ein Dorf zerstörten -, damit seine Bewohner:innen endlich verschwinden würden, oder aus tiefem Rassismus oder ich weiß nicht was. Es wird immer wieder passieren, wenn es nicht aufgehalten wird.”

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