“Wir verbrennen heute Araber, die Molotow-Cocktails sind bereits im Kofferraum” — ein Spotlight zum vergangenen Donnerstag

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Nachdem zum wiederholten Male ein Mob jüdisch-israelischer Rechtsradikaler & Faschisten diese Woche — teils bewaffnet — durch die Altstadt von Jerusalem zog & unter “Tod den Arabern”-Rufen Jagd auf Palästinenser*innen & linke Israelis machte & über 110 Araber*innen verletzte, haben sich Palästinenser*innen in den besetzten Gebieten in Solidarität mit den Jerusalemern erhoben. Überall kam es zu Protesten & Solidaritätskundgebungen. Am Ende wurde so ein Erfolg gegen die Besatzung erzielt — Israel musste seine antipalästinensischen Barrikaden in Jerusalem zum Teil räumen.

“Da war der palästinensische Vater, der versuchte, seine Tochter vor der Polizei zu retten, die jungen Kahanisten, die auf den Straßen “Tod den Arabern” skandierten, die Angst, die ich spürte, als ich gefragt wurde, ob ich eine Linke sei. Ich schreibe, um mich an all das zu erinnern.” — Orly Noy, jüdisch-israelische Aktivistin

Schikanen & Spannungen zu Ramadan

Mit Beginn des Ramadan in diesem Monat hat die Besatzung zusätzliche Schikanen gegenüber Palästinenser*innen durchgesetzt. So wurden am 1. Tag des Fastenmonats von Soldat*innen die Kabel der Lautsprecher an den Minaretten der Al Aqsa-Moschee durchtrennt, um den seit Jahrhunderten durch die Stadt hallenden Gebetsruf zu unterbinden & hunderte Iftar-Mahlzeiten, mit der das Fasten am 1. Tag in der Moschee beendet werden sollte, weggenommen. Außerdem verbot die Jerusalemer Polizei den Palästinenser*innen, auf den breiten Stufen am Eingang zum Damaskustor, dem Hauptplatz in der Altstadt & einem seit Generationen beliebten Treffpunkt zur Fastenzeit, zu sitzen. Darüber hinaus wurden noch mehr Militärcheckpoints errichtet, um den ohnehin erschwerten Zugang zu den heiligen muslimischen Stätten noch weiter zu einzuschränken. Diese willkürlichen Entscheidungen & Schikanen sorgte bei Palästinenser*innen für großen Unmut.

Vor dem Hintergrund dieser Schikanen riefen Aktivisten der rechtsradikalen Gruppe Lehava ihre Anhänger auf, am Donnerstag in Scharen zu kommen, “um die jüdische Würde wiederherzustellen”, nachdem ein TikTok-Video zeigte, wie zwei palästinensische Teenager einen ultraorthodoxen Juden in der Stadt belästigten & ohrfeigten. Unterstützt von ihren Vertretern, die jetzt mit der Partei Jewish Power in der Knesset sitzen, folgten Hunderte von Anhängern der kahanistischen Organisation dem Aufruf & kamen mit dem erklärten Ziel, Palästinenser*innen anzugreifen, auch mit Waffen.

Die Gewalt eskaliert — ein gewalttätiger Mob macht Jagd auf Araber

Die pogromartige, anti-arabische Stimmung, die schon die ganze Woche über gärte & erstmals am Dienstag eskalierte, fand ihren Höhepunkt am Donnerstag, als ein “Lynchmob”, durch die Straßen Jerusalems zog & dabei “Tod den Arabern” skandierte. Unter den Organisatoren befand sich das Knessetmitglied Itamar Ben-Gvir (Jewish Power). In einer Gruppe schrieb ein Mitglied: “Wir verbrennen heute Araber, die Molotow-Cocktails sind bereits im Kofferraum.“

Hunderte von jüdisch-israelischen Rechtsradikalen, Siedlerextremisten & Neofaschisten marschierten am Donnerstag durch das Damaskustor in die Altstadt. Sie verfolgten Palästinenser*innen, welche gerade die Al Aqsa-Moschee nach dem Nachtgebet (Tarawih) verließen. Ebenso suchten sie gezielt nach linken Israelis & weiteren Palästinenser*innen, in dem sie gezielt Passanten Fragen stellten, um am Dialekt Araber*innen zu erkennen. Sie prügelten, randalierten & bedrohten Palästinenser*innen, teilweise mit Waffen, andere warfen Steine. Später attackierten sie bis in die frühen Morgenstunden palästinensische Familienhäuser, was dazu führte, dass zahlreiche Kinder in der Nacht vor Angst schrien.

Polizeigewalt gegen Palästinenser*innen am vergangenen Donnerstag Abend in Jerusalem.

Zahlreiche Palästinenser*innen riefen u.a. über Social Media dazu auf, sich den Extremisten & Rechtsradikalen entgegen zu stellen. Hunderte Palästinenser*innen versuchten sich dem wütenden Mob entgegenzustellen. Die israelische Besatzungspolizei ging dabei schnell dazu über, Palästinenser*innen mit Gummigeschossen, scharfer Munition, berittener Bereitschaftspolizei, Blendgranaten & Tränengas anzugreifen. Dies führte zu einer Eskalation der Situation. Am Ende wurden 110 Palästinenser*innen verletzt, darunter eine ältere Frau, die am Auge getroffen wurde, nachdem israelische Siedler einen fahrenden Bus angegriffen hatten. 22 verletzte Palästinenser*innen kamen in ein Krankenhaus. Ein Israeli & etwa 20 israelische Polizist*innen wurden verletzt.

Zwei Teenager werden verhaftet: Rassismus der Besatzungspolizei in einem Bild zusammengefasst.

In den frühen Morgenstunden des Freitags wurde dann versucht, palästinensische Gläubige daran zu hindern, die Al Aqsa-Moschee — die drittheiligste Stätte des Islam — zu erreichen & das Al-Fajr (Morgengebet) zu beten. Tausenden von Palästinenser*innen gelang es jedoch, sich an den israelischen Wachen vorbeizudrängen & den Moscheenkomplex zu betreten.

Israelischer Rassismus vor der Kamera. Interview anlässlich der Gewalt am vergangenen Donnerstag Abend.

“Ich schreibe, um mich an all das zu erinnern…. Mich zu erinnern, dass ich keine Angst hatte, als ich eine blutdürstige Meute von Kahanisten auf mich zukommen sah. Stattdessen war ich schockiert, wie viele und wie jung sie alle waren. Daran zu denken, wie ich später in der Nacht Angst hatte, als ein paar junge jüdische Jungen uns fragten: “Seid ihr Linke?”

Um mich an die ultraorthodoxen Juden zu erinnern, die auf der anderen Seite der Jerusalemer Stadtbahn standen, in der Nähe der jüdischen Seite des Musrara-Viertels, & die Explosionen der Blendgranaten, die am Damaskustor abgefeuert wurden, mit Begeisterung in ihren Augen betrachteten.

Um mich an den jungen Mann mit der Kippa zu erinnern, der mit einem Palästinenser auf der anderen Seite einer Polizeibarrikade diskutierte, bevor er ihm sagte: “Wir werden euch alle abschlachten, ihr wisst, dass wir euch einen nach dem anderen töten werden.” — Orly Noy, jüdisch-israelische Aktivistin

Reaktionen & Folgen

Überall im gesamten Gebiet des historischen Palästina kam es zu Solidaritätskundgebungen — gegen die Schikanen der Besatzung, dem rassistischen Mob & Polizeigewalt: Tulkarem, Nablus, Al-Khalil, Ramallah, Al-Bireh, Jericho, Bethlehem, Qalqilya & Qalandia, aber auch in Umm Al Fahm & Jaffa innerhalb Israels. Im gesamten Gazastreifen fanden ebenfalls Proteste statt: So in Jabalia, Gaza-Stadt, Rafah, Khan Yunis, wobei die Demonstrant*innen zusätzlich am “Grenz”zaun im Osten auftauchten. Die israelischen Streitkräfte feuerten mit scharfer Munition auf die nächtlichen Demonstrant*innen & verletzten dabei Berichten zufolge drei Menschen.

Protest in Jaffa, Israel, 24.04.2021
Palästinenser aus dem Westjordanland, die von den israelischen Behörden daran gehindert werden, Jerusalem zu erreichen, halten Nachtgebete an dem Teil der Trennmauer ab, der Bethlehem von Jerusalem trennt. Das Gebet wurde in Solidarität mit den Jerusalemer Palästinenser*innen bei ihrer jüngsten Protestwelle gegen die israelische Kolonisierung und Besatzung abgehalten. 23.04.2021

Die Abu-Ali-Mustafa-Brigaden — bewaffneter Flügel der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) — meldeten ebenfalls Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen als Reaktion auf die israelische Aktion in Jerusalem. Insgesamt wurden 36 Raketen koordiniert auf Israel abgefeuert, welche teilweise von israelischer Armee abgefangen wurden & sonst auf leeren Feldern niedergingen. Israel reagierte mit mehreren Luftangriffen auf mehrere Orte innerhalb des belagerten Gazastreifens. Allein während der zweitägigen Proteste in Jerusalem haben die israelischen Streitkräfte etwa 100 Palästinenser*innen verhaftet & 450 verletzt, wie lokale Medien berichten.

Aufgrund der Proteste entschloss sich die Besatzung nun, einen Teil der Restriktionen, wie zahlreiche Barrieren, die Palästinenser*innen den Zutritt zu ihrer Altstadt & religiösen Stätten versperrten, aufzuheben. Ein Erfolg für die protestierenden Palästinenser*innen gegen die Besatzungswillkür.

Palästinenser*innen feiern die Entfernung von Barrieren, die Ihnen den Zugang zur Altstadt & ihren religiösen Stätten erschweren sollten.

Was sich nach den Angriffen auf die palästinensischen Bewohner Jerusalems abspielt, ist nicht nur als eine Reaktion auf den rassistischen Siedlermob & die zusätzlichen Schikanen zu Ramadan zu sehen. Dies ist ein Aufstand gegen Israels andauernde illegale Besatzung & rassistische Politik gegenüber Palästinenser*innen im Allgemeinen, wobei der extremistische Siedlermob als Katalysator fungiert. Was ebenfalls eine große Rolle spielt sind die anhaltenden Akte der ethnischen Säuberung in Ost-Jerusalem. Israelische Siedlerorganisationen arbeiten mit den israelischen Gerichten zusammen — in Übereinstimmung mit Israels “Jerusalem 2000”-Plan sowie mit Gesetzen, die von der Regierung in den 1970er Jahren eingeführt wurden . Aktuell droht — um etwa 2.100 Palästinenser*innen aus den Vierteln Sheikh Jarrah & Silwan zu vertreiben. Nun hat ein israelisches Gericht die gewaltsame Räumung von 28 palästinensischen Familienhäusern mit insgesamt 500 Mitgliedern im Stadtteil Sheikh Jarrah zu Gunsten einer Siedlerorganisation angeordnet. Die Vertreibung ist aktuell in zwei Stufen für Mai & August terminiert. Die Vertreibung ist gemäß Völkerrecht vollkommen illegal — Siedlungsaktivitäten sind gemäß Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen.

Demonstration von Palästinenser*innen mit israelische Staatsbürgerschaft in Jaffa anlässlich der isr. Gewalt in Jerusalem. 22.04.2021

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