Wochenbilanz: 6 tote Palästinenser, darunter 1 Kind & 1 toter israelischer Scharfschütze— Weekly Summary, 04.09.2021

Was in der Woche vom 28.08. — 04.09.2021 im historischen Palästina passierte

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Ra’ed Yousif Rashed Jadallah (39)

Getötet: Am 31. August 2021 eröffnete die israelische Armee am westlichen Eingang des besetzten Dorfes Beit Ur Al Tahta das Feuer auf Ra’ed Yousif Rashed Jadallah (39), der auf dem Heimweg von seiner Arbeit in Israel war & ließ ihn anschließend blutend liegen, bis er starb. Keiner der Anwesenden durfte sich ihm nähern, um erste Hilfe zu leisten. Israelische Medien behaupten, er sei ins Visier genommen worden, nachdem er in der Gegend ein Feuer gelegt hatte. Die Untersuchungen des Palästinensischen Zentrums für Menschenrechte (PCHR) widerlegen jedoch diese Behauptung & stellen fest, dass es keine Rechtfertigung für Angriff auf den Mann gab, da das Leben der Soldat:innen in keiner Weise bedroht war. Der Vater von 4 Kinder, hat seinen ältesten Sohn (13) vorher angerufen um ihn zu treffen. Der Sohn fand den Vater blutüberströmt & von israelischen Soldat:innen umgeben.

Wenige Tage zuvor, am 28. August, erklärte das Al Shifa Medizinzentrum in Gaza den erst 13-jährigen Omar H. M. Abu Al Neil für tot. Der Junge wurde am 21. August 2021 bei einer Demonstration im Osten des Gazastreifens durch israelische Scharfschützen verletzt, die eingesetzt wurden, um den friedlichen Protest zu unterdrücken. Sie schossen ihn in dem Kopf. Er ist das zweite palästinensische Todesopfer dieser Demo.

Omar H. M. Abu Al Neil wurde nur 13 Jahre alt. Auf einer Demo, an der viele Familien teilnahmen, wurde er von Scharfschützen der israelischen Armee angegriffen.

Der israelische Scharfschütze, der eine Woche zuvor an der “Grenze” zu Gaza auf Demonstrant:innen schoss & letztlich selbst verletzt worden war, erlag seinen Wunden. Nachdem mehr als 40 palästinensische Demonstrant:innen, darunter der 13-jährige Abu Al Neil, von Scharfschützen der israelischen Armee verletzt oder angeschossen wurden, schoss ein Palästinenser durch die Schießscharte zurück. Dieser Schoß traf ihn in den Kopf. In Israel wird der Scharfschütze nun als Held gefeiert. Viele Mitglieder der Grenztruppen üben gemeinsam mit Unterstützung von Politiker:innen & Bürger:innen Israels Druck aus, um die Regelungen zur Freigabe von Schießbefehlen gegen Palästinenser:innen zu lockern. Sie behaupten, dass die Hände der Soldaten gebunden seien, sie nicht so viel schießen dürften, wie sie müssten. Seit 2018 hat die Israelische Armee mehr als 200 palästinensische Demonstrant:innen in Gaza erschossen, darunter zahlreiche Kinder, Journalisten, Sanitäter:innen & Behinderte. Allein dieses Jahr wurden mehr als 40 Palästinenser:innen auf den Straßen des Westjordanlandes erschossen.

“Befreit unsere Hände, lasst uns töten” — eine Kampagne israelischer Soldat:innen, nachdem einer ihrer Scharfschützen, der unbewaffnete Demonstrant:innen einschließlich Kinder in Gaza angriff, in einem Akt von Rache & Verteidigung während dieser Demo von einem Palästinenser erschossen wurde.

Ein weiterer Palästinenser, Ahmad Saleh (26), verstarb diese Woche durch eine Schussverletzung, die er diese Woche bei einer Demonstration in Gaza durch israelischen Soldat:innen erlitt. Weitere Details unter “Freiluftgefängnis Gaza”.

Besatzungsalltag im Westjordanland: Mindestens 128 Mal fiel die israelische Armee in Ortschaften des besetzten Westjordanlandes, einschließlich Jerusalem, ein. Dabei wurden 66 Zivilist:innen willkürlich verhaftet, darunter 13 Kinder & 4 Frauen. Viele dieser Übergriffe der Besatzer stießen auf Widerstand in der Bevölkerung, meist nur durch Steine & Feuerwerkskörper der Bewohner:innen, in einigen Fällen mit Moltow-Cocktails & manchmal mit Schüssen auf die Besatzungssoldaten.

Ein Palästinenser konfrontiert israelische Besatzungssoldat:innen mit einer Steinschleuder, Kafr Qaddum, besetztes Westjordanland, 03.09.2021

In Ostjerusalem stürmte die israelische Armee eine Mädchenschule, verhaftete den Schulleiter, luden die Lehrer:innen zum Verhör vor & beschlagnahmten Computer & Akten der Schule.

Ebenso wurden auch in dieser Woche zahlreiche Proteste gegen Besatzung, Landraub, Siedlungsbau & Vertreibung mit exzessiver Gewalt seitens der israelischen Armee unterdrückt. Es kam zu zahlreichen Verletzten.

Nach dem Freitagsgebet organisierten Dutzende von Palästinenser:innen aus Yatta ein friedliches Sit-in auf ihrem Land, das von der Beschlagnahmung für den Ausbau der völkerrechtswidrigen Siedlung “Avigal” bedroht ist. Als ein Besatzungssoldat versuchte, einen der Protestteilnehmer zu verhaften, näherte sich eine Gruppe von Journalisten, um die Szene zu filmen. Daraufhin griff die israelische Armee Journalisten an, schlug sie, beschimpfte sie & fesselten sie mit Kabelbindern, verband ihnen teilweise sogar die Augen. Alle wurden mit Militärfahrzeugen ins Verhörzentrum der illegalen Siedlung “Kiryat Arba” gebracht, wo sie eineinhalb Stunden lang festgehalten wurden. Da einer der Journalisten aufgrund einer früheren Kopfverletzung, die er sich bei der Berichterstattung über vergangene Ereignisse zugezogen hatte, schnell erschöpfte, ließen die Soldat:innen die Journalisten frei & brachten Shalalda ins Krankenhaus. Die Journalisten wurden aufgefordert, am 29. August 2021 in das Verhörzentrum zurückzukehren. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie angeblich wegen ihrer Anwesenheit auf militärischen Sperrgebiet festgenommen worden seien, was von den Journalisten bestritten wurde. Zwei aus der Gruppe erstatteten Anzeige gegen die Soldaten, weil sie sie angegriffen hatten. Drei Stunden später wurden sie freigelassen, während die beiden, die Anzeige erstattet hatten, erneut von der Militärpolizei verhört werden sollen.

7 Palästinensische Journalisten wurden diese Woche von israelischen Soldat:innen verhaftet.

Systematische Vertreibung: Die systematische Vertreibung von Palästinenser:innen zu Gunsten israelischer Siedler:innen durch Verhinderung & Zerstörung von Wohneigentum sowie deren wirtschaftlicher Grundlage ging auch diese Woche ungehindert weiter. In Vororten Jerusalems wurden gleich 4 palästinensische Wohnhäuser zerstört, wobei den Abriss die Besitzer selbst durchführen mussten: Obwohl Israel als illegitime Besatzungsmacht kein Recht hat, palästinensisches Wohneigentum zu zerstören, stellt Israel nicht nur Abrissbescheide aus sondern stellt die entstehenden Kosten den betroffenen Familien auch noch in Rechnung, was oftmals den finanziellen Ruin dieser Familien bedeutet. Daher sehen sich viele gezwungen, ihr mühsam aufgebautes Haus eigenhändig wieder abzureißen. Auch in Jerusalem selbst, musste eine Familie einen Teil ihres Hauses selbst zerstören, in Jabal Mukaber beschödigte die israelische Armee ein palästinensisches Wohnhaus.

Im besetzten Salfit wurden Baufahrzeuge beschlagnahmt, um die Sanierung von Grundstücken in palästinensischem Besitz in diesem Gebiet zu stoppen. Im besetzten Bethlehem wurde ein Baustopp für eine Moschee & drei Häuser verhängt, bei zwei dieser Häuser beschädigte die Armee die schon gegossenen Fundamente. In Tubas wurden 3 Zelte für Schafe in den nördlichen Jordantälern zerstört & in Nablus 2 Häuser, darunter ein im Bau befindliches, sowie ein Wasserbrunnen abgerissen. Ein Bericht der UN vom Sommer dieses Jahres führte aus: [..] die großflächige Zerstörung von Eigentum stellt einen schweren Verstoß gegen die Vierte Genfer Konvention dar & kann einem Kriegsverbrechen gleichkommen”.

Auch innerhalb Israels sind die Häuser der Palästinenser:innen von den israelischen Behörden bedroht. Das Dorf Al Araqeeb wurde diese Woche zu 192. Mal zerstört. Das ist das 10. Mal in diesem Jahr.

Freiluftgfängnis Gaza: Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird. Diese Woche wurden neue Lockerungen bekanntgemacht, wie die Erweiterung der Fischerzone, die Erhöhung der Trinkwasser-Menge & die Erlaubnis von mehr Waren & Baumittel in Gaza. Diese Lockerungen betreffen nur die Verbote, die nach dem letzen Angriff auf Gaza im Mai 2021 verschärft worden waren.

Seit letztem Samstag demonstrieren hunderte Palästinenser:innen täglich jeden Abend gegen die seit 15 Jahren andauernde, völkerechtswidrige Blockade. Die nächtliche Demonstration heißen normalerweise “die nächtliche Störung”. Die Demonstrant:innen setzen verschiedene Methoden (Feuerwerkskörper & andere Krachmacher, angezündete Autoreifen usw) ein, um die Soldat:innen & Siedler um den Gazastreifen zu stören. Am Donnerstag haben die Soldat:innen die unbewaffneten Demonstrant:innen angeschossen & 16 verletzt. Später wurde bekannt, dass ein 26-Järiger, Ahmad Saleh, seinen Wunden erlag.

Die wöchentliche Angriffe auf die Fischer des Gazastreifens durch israelisches Militär wurden auch diese Woche fortgesetzt: Zweimal beschossen Kanonenboote der isr. Marine Fischerboote. Ebenso zweimal schossen israelische Soldat:innen über die “Grenze” in den Gazastreifen auf landwirtschaftliche Felder.

Drei Palästinenser aus Gaza kamen ums Leben, während sie einen Tunnel für Wareneinführung aus Ägypten gruben. Wegen der israelischen- ägyptischen Blockade müssen die Bewohner Gazas sich durch Tunnel, in denen Waren des täglichen Bedarfs & Medikamente aus Ägypten heimlich geschmuggelt werden, versorgen. Seit 2013 haben die ägyptische Behörden die Lage verschlimmert. Die ihnen bekannten Tunnel wurden zerstört, oder sogar vergast, wie im Jahr 2019.

Siedlergewalt: Israelische Armeebaufahrzeuge haben angefangen, eine neue illegale Siedlung neben dem besetzten Jenin zu errichten.

Auch diese Woche griffen Siedler palästinensische Zivilisten an. Eine Gruppe von Siedlern der illegalen Siedlung “Sde Ephraim” attackierten den Farmer Dhafer Jarrah ‘Ataya & seine 5-köpfige Familie aus dem Dorf Kafr Ne’mah als sie sich auf ihren Feldern befanden.

Siedler aus der völkerrechtswidrigen Siedlung “Karayat Arbaa” im Osten Al Khalils (Hebron) warfen Steine auf palästinensische Familienhäuser im Viertel Jaber, östlich der Altstadt Al Khalils, vor den Augen der israelischen Soldat:innen, die nicht eingriffen. Mahmoud Jaber (18) erlitt dabei Kopfverletzungen, während 6 palästinensische Fahrzeuge massiv beschädigt wurden: unmittelbar vor dem Checkpoint der isr. Besatzungsarmee, die die Siedler gewähren ließ.

In der Zwischenzeit teilt die israelische Besatzung das Westjordanland weiterhin in getrennte Zonen auf, deren Verbindungsstraßen von der Besatzung seit dem Jahr 2000 blockiert werden & mit hunderten temporären & permanenten Militärcheckpoints versehen sind. Sie schränken die Bewegungsfreiheit von ausschließlich palästinensischen Zivilist:innen — nicht israelischen — massiv ein, außerdem können sie hier willkürlich verhaftet werden. Neben den 108 permanenten Militärcheckpoints errichtete die Besatzungsarmee diese Woche 49 neue temporäre Militärcheckpoints.

Politische Gefangene: Anhar Al Deek ist (fast) frei. Die 26-jährige Mutter & hoch schwangere Gefangene wurde nach internationalen Solidaritätsaktionen aus dem Gefängnis freigelassen & ist somit nicht mehr gezwungen, ihr Kind im Gefängnis, angekettet mit Handschellen am Bett, zu entbinden. Sie musste jedoch eine sehr hohe Kaution zahlen & steht nun unter Hausarrest. Immerhin sie kann jetzt ihre Tochter wieder umarmen. Laut ihren Angaben, wurde sie während ihrer Verhaftung & Verhörung mehrmals auf Kopf & Bauch geschlagen, obwohl sie den Soldat:innen erzählt hatte, dass sie schwanger ist.

Anhar Al Deek mit ihrer Tochter & Ehemann.

130 palästinensische Frauen wurden von der Besatzung dieses Jahr schon verhaftet, mehr als die Zahl des gesamten letzten Jahres. 40 Frauen sitzen aktuell immer noch in Besatzungsgefängnissen.

6 Palästinenser befinden sich immer noch im Hungerstreik gegen ihre Verhaftung ohne Angabe von Gründen, Beweisen, Gerichtsverfahren oder Haftdauer (administrativhaft). Einer von ihnen hungert schon seit 51 Tagen für seine Freiheit.

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