(K)eine Kindheit unter Besatzung — Spotlight, 04.12.2020

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  • Ein isr. Offizier schießt dem 9jährigen Jungen Malek Issa auf dem Heimweg von der Schule in der Kopf — gestern wurde das Verfahren eingestellt. Der Offizier ist zufrieden & frei, das Kind bleibt schwer traumatisiert & mit spendenfinanziertem Glasauge zurück.
  • Heute vor wenigen Stunden: Dem 13jährige Ali Ayman Abu Elayah schießen Besatzungssoldat*innen in den Bauch. Er erlag seinen Verletzungen
  • Wenn der Weg zur Schule zum Horror wird: Soldat:innen, Siedler:innen, Tränengas — ein Video zeigt, was Schule unter Besatzung bedeutet
  • Wenn nachts die Realität angsteinflößender ist als ein böser Traum: Nächtliche Soldatenbesuche in pal. Familienhäusern (Video & Links)
  • Willkürhaft, Misshandlung, Folter, Militärgericht: Wie Kinder systematisch verfolgt & 500–700 von ihnen jährlich vor Militärgerichte gestellt werden
  • Fallbeispiel: Eine entfernte Schädelplatte & eine Ohrfeige — Turbulente Monate für Familie Tamimi

Malek Issa (9) verlässt im Februar, wie jeden Tag, seinen Schulbus im Jerusalemer Stadtteil Isawiyah. Danach geht er in ein Geschäft. Als er es verlässt & die Straße überqueren will, trifft ihn plötzlich ein gummiüberzogenes Metallgeschoss. Eine Munition, die in Israel verboten, in den besetzten Gebieten im Einsatz gegen Palästinenser*innen jedoch erlaubt ist. Er bricht zusammen. Die Überwachungskameras zeigen, wie mehrere Passant:innen plötzlich zu ihm rennen, einer von ihnen schlägt vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen. Sekunden später wird das Kind von einem Auto ins Krankenhaus gebracht. Er bleibt lange im Krankenhaus & verliert sein linkes Auge.

Malek Issa, 9 Jahre alt.

Der verantwortliche Offizier wurde gestern von allen Vorwürfen freigesprochen. Er sagt, er habe auf eine Wand geschossen, nicht auf ein Kind, ein solches sei gar nicht in der Nähe gewesen. Es habe sich durch einen Stein oder ein Auto verletzt. Das Gericht stimmte dem zu, sprach von mangelnden Beweisen, die die massiven Verletzungen des Jungen mit der Munition des Offiziers in Verbindung bringen. Obwohl das isr. Institut für forensische Medizin das Gegenteil belegt, ebenso wie die Aussage des Jungen & anderer. Es ist nur einer von zahllosen Fällen willkürlicher isr. Militärgewalt gegen Palästinenser:innen, die straffrei bleiben — auch gegen Kinder.

Malek Issa.

Sie haben das Leben meines Jungen ruiniert”, sagte Wael Issa, der Vater des 9-jährigen Jungen. “Wir werden nicht aufgeben, bis wir Gerechtigkeit erfahren.” Die Entscheidung gibt “die offizielle Genehmigung, weiter auf palästinensische Kinder zu schießen”.

Sein Sohn leidet infolge seiner Verletzung an einem schweren Trauma & hat Schwierigkeiten in der Schule, in die er nun nach langer Abwesenheit zurückgekehrt ist.

Nach dem Vorfall wurde Malek mit einem Glasauge ausgestattet, das durch Spenden finanziert wurde. Wael sagt, dass ihm das Auge während der Schule herausfiel & dass er danach nicht mehr zur Schule zurück wollte.

Malek Issa, 9 Jahre alt.

Erst vor wenigen Stunden wurde der13-jährige Ali Ayman Abu Elayah in der Ortschaft Almghayer nahe Ramallah von Besatzungssoldat:innen schwer verletzt. Ihr Geschoss traf seinen Bauch. Er wurde in den Palestine Medical Complex in Ramallah gebracht & sofort notoperiert. Dennoch erlag er seinen Verletzungen.

Ali Ayman Abu Elayah, 13 Jahre alt, wurde heute schwer durch Besatzungssoldat*innen verletzt & verstarb wenig später im Krankenhaus.

In diesem Jahr kamen durch die Besatzung bisher 8 palästinensische Kinder ums Leben & über 300 weitere kamen in Haft, darunter auch Kinder mit Erkrankungen & geistigen Behinderungen. 2019 tötete isr. Soldat:innen & Polizist:innen 133 Palästinenser:innen, darunter 28 Kinder.

Im besetzten Westjordanland leben etwa 2,9 Millionen Palästinenser:innen, von denen etwa 45% Kinder unter 18 Jahren sind. Ihre Kindheit ist geprägt von Gewalt isr. Soldat:innen & Siedler:innen. Der tägliche Weg zur Schule wird oft zum reinsten Spießrutenlauf: zahllose Checkpoints, die mal offen, mal geschlossen sind, Siedler:innen die sie mit Steinen bewerfen & Soldat:innen mit Tränengas. Das fliegt manchmal auch direkt & ohne Vorwarnung ins Klassenzimmer (s. Video). Manchmal attackieren Siedler auch die Schule — mit Waffen.

Der Spießrutenlauf zur Schule. Video via Christian Peacemaker Teams Palestine

Nachts stürmen regelmäßig Soldat:innen die Familienhäuser & reißen auch die Kinder aus dem Bett (s. Video). Es macht Angst & es traumatisiert.

“Fadel Tamimi, neunfacher Vater aus einem Dorf nahe Ramallah, hat bereits vier solcher nächtlicher Razzien in seinem Haus erlebt, erzählt er dem STANDARD. Zu Festnahmen kam es nie, sagt Tamimi, auch habe er nicht den Eindruck, dass die Soldaten bei ihren Razzien etwas Bestimmtes suchen. Sein Haus sei wegen dessen zentraler Lage im Dorf beliebt, die Soldaten benutzen mein Dach als Wachturm”. Einmal hätten zwei junge Soldaten zudem das Bett für ein Nickerchen benutzt. Den kleineren seiner Kinder jagten die nächtlichen Besuche Angst ein, sagt Tamimi. Dass man nie wissen könne, wann sie wieder eindringen, raube den Kindern oft den Schlaf.” November 2020 [1]

Diese Aufnahmen zeigen beispielhaft, wie nächtliche Razzien durch die Besatzung von statten gehen. Bei dieser sind die Soldat:innen noch weitgehend “freundlich”.

Sie sehen, wie immer wieder Verwandte, Bekannte oder gar die eigenen Eltern & Geschwister verhaftet werden. Oder sie selbst — und dann werden sie eingeschüchtert, bedroht, gar gefoltert, bspw. mit Schlafentzug oder die Anwesenheit scharfer Hunde. 73% der Kinder erleben körperliche Gewalt nach ihrer Verhaftung, 95% werden gefesselt, 86% werden die Augen verbunden, 49% mitten in der Nacht von zu Hause festgenommen, 64% verbal beschimpft, gedemütigt oder eingeschüchtert, 74% nicht richtig über ihre Rechte aufgeklärt, 96% ohne Anwesenheit eines Familienmitglieds verhört, 20% schmerzhaften Sitzpositionen ausgesetzt, 49% unterzeichneten Dokumente auf Hebräisch, was sie nicht verstehen.

Israel ist das einzige Land, das Kinder systematisch vor Militärgerichte, in denen keine Hoffnung auf ein faires Verfahren besteht, stellt. Israel verfolgt jedes Jahr zwischen 500 und 700 palästinensische Kinder vor Militärgerichten.

Ein Video über die systematische Verfolgung von pal. Kinder durch die Besatzung.

Die systematischen Hauszerstörungen der Besatzung im Westjordanland einschließlich Jerusalem treiben auch die Kinder der betroffenen Familien in die Obdachlosigkeit. Als isr. Streitkräfte im November 2020 das pal. Beduinendorf Khirbet Humsa niederrissen wurde die gesamte Dorfgemeinschaft — 73 Menschen, darunter 41 Kinder — innerhalb weniger Stunden obdachlos. Und Hauszerstörungen sind fast an der Tagesordnung.

Die Kinder sehen, wie Freund:innen, Schulkamerad:innen, Verwandte & Bekannte verletzt werden. In Gaza erleben sie zudem regelmäßige Bombenangriffe vor denen sie sich nicht schützen können. Es gibt in Gaza weder Luftschutzkeller noch hält sich hier die isr. Armee an das internationale Verbot der Bombardierung von Flüchtlingslagern, Notunterkünften, Schulen & Krankenhäuser. Erst Mitte August diesen Jahres entging eine Grundschule in Gaza knapp einem Massaker, als man morgens einen Blindgänger entdeckte, der aus einem Luftangriff in der vorangegangen Nacht resultierte. Die Bombe enthielt 1500 Metallsplitter, von denen jeder tödlich sein kann. Allein im Krieg gegen Gaza im Sommer 2014 kamen über 600 pal. Kinder ums Leben, 232 Schulen wurden beschädigt & 29 Schulen wurden völlig zerstört. Viele Kinder sind schwer traumatisiert. Viele durch Luftangriffe & Schussverletzungen schwer behindert.

Bilder aus Israels Krieg gegen Gaza, Sommer 2014
Auch außerhalb der großen Kriege greift Israel den Gazastreifen immer wieder an. Dieses Video zeigt drei Kinder, die eine Kochsendung filmen wollten, als plötzlich Bomben fallen… Juli 2018

Ein Fallbeispiel aus dem Westjordanland: Im Dezember 2017 schossen isr. Soldat:innen dem erst 14-jährigen Mohammed Tamimi eine Kugel in den Kopf. Er wurde 8h lang notoperiert, lag tagelang im Koma, eine Schädelplatte musste ihm zeitweise entfernt werden, um den Druck auf das Hirn nach dem Kopfschuss zu lindern. Keine drei Monate später wurde er mit weiteren Familienmitglieder verhaftet — immer noch schwer krank, mit fehlender Schädelplatte & Angewiesenheit auf pünktliche Einnahme mehrerer Medikamente. Unter Androhung von Schlägen & Verhaftung weiterer Familienmitglieder wurde er gezwungen, ein Geständnis auf hebräisch zu unterschreiben, das besagte, seine Kopfverletzungen kämen von einem Fahrradunfall. Kein einziger Soldat wurde je zur Rechenschaft gezogen, weder für die Misshandlung während der Haft, noch den Kopfschuss. (EDIT: Im Juni 2022 brachen ihm israelische Soldat:innen erneut den Schädel — durch ein gummi-ummanteltes Stahlgeschoss, das auf seinen Kopf abgefeuert wurde. Er überlebte dank Not-OP)

Mohammad Tamimi, 14, nach einem Kopfschuss isr. Soldat*innen.

Stattdessen wurde seine Cousine Ahed Tamimi für 8 Monate in ein Gefängnis gesteckt, in dem sie ihren 17. Geburtstag ohne Familienbesuch allein verbringen musste. Sie ohrfeigte einen Soldaten aus der Einheit, die in der Woche zuvor auf ihren Cousin Mohammad schoss. Die Soldat:innen verschafften sich unrechtmäßig Zugang zu ihrem Haus & schlugen sie, sie wehrte sich jedoch per Ohrfeige & kam dafür in Haft. Ihre Mutter hatte es zufällig gefilmt, das Video ging viral — sie kam dafür ebenfalls in Haft. In den darauffolgenden Tagen wurden 17 weitere Familienmitglieder festgenommen & tage- bis monatelang willkürlich inhaftiert. Prominente Israelis riefen zu Vergewaltigung & Mord an Ahed auf. Zur gleichen Zeit wurde ihr 17 jähriger Cousin Musab Tamimi auf dem Heimweg von der Schule erschossen. Auch hierfür wurde kein Soldat bestraft.

Ahed Tamimi, damals 16, vor einem isr. Militärgericht — wegen einer Ohrfeige.

Mehr zum Thema:

[1] Das Zitat stammt aus untem verlinkten Artikel des Standard

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